Schleswig-Holstein

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Familie/Freizeit/Land und Leute

09.07.2010 -  

Interview mit dem Schauspieler Ingo Naujoks

Bild - Interview mit dem Schauspieler Ingo Naujoks


Kantig, charismatisch, liebenswert – Schauspieler Ingo Naujoks hat viele Facetten. Foto: Claudia Pless


Die Privatseite von Winnetous Gegenspieler


Als Anti-Spießer im Werbespot einer Bausparkasse gelang ihm der Quantensprung in die Popularität. Seitdem ist der Schauspieler Ingo Naujoks dick im Showgeschäft und in diesem Sommer fest im Sattel der Karl-May-Spiele in Bad Segeberg. In der Rolle des zwielichtigen Saloonbesitzers Charles Leveret in der Inszenierung „Halbblut“ verleiht er dem Winnetou-Gegenspieler einen starken Charakter und bringt Verve in den Wilden Westen. Im Interview spricht er über harte Proben, tragische Helden, Spießer, Familienväter und Existenzängste.


Sie sind eigentlich Fernsehschauspieler. Wo liegt für Sie der größte Unterschied zwischen dem Spiel vor der Kamera und auf der Freilichtbühne?


Ingo Naujoks: Die unmittelbare Nähe zum Publikum bin ich ja schon durch meine früheren Theaterjahre gewöhnt. Aber das hier ist eine völlig andere Dimension. So eine Freilichtarena mit Stadiongröße ist um einiges weitläufiger als eine Theaterbühne oder ein Filmset. Gänge, die dort in zwei, drei Schritten erledigt sind, dauern hier 50 Schritte.


Was bedeutet das konkret für Ihre Arbeit?


Eine große Umgewöhnung. Seine Sätze muss man sich ganz anders einteilen, Spannung langsam aufbauen. Und dann kommt noch die Arbeit mit den Tieren dazu. Im Galopp bei Wind und Wetter durch die Arena – das ist eine echt hohe Anforderung. Da dachte ich als Segeberg-Neuling schon: Hui, ob sich das irgendwann fügt?


Aber inzwischen haben Sie alle Zügel fest im Griff?


(Lacht:) Ich hoffe schon. Ich will natürlich meinen Vorgängern in nichts nachstehen. Seltsamerweise hat das Reiten von Anfang an besser geklappt, als ich gedacht hatte. Jetzt bin ich quasi ein fortgeschrittener Anfänger. Meine Reitlehrerin Silvia Kassel hatte zum Glück viel Geduld und Spucke. Und ich habe ein ganz liebes ruhiges Pferd, den Spiky. Der passt auf mich auf. Trotzdem habe ich den Respekt vor den Tieren nicht verloren, die haben auch ihren eigenen Charakter und ihre eigenen Zickigkeiten. Das macht die Sache ja so spannend.


Werden Sie in Ihrer Rolle als Charles Leveret den knallharten Bösewicht geben?


Ich wollte keine abgelutschte Figur, keinen von diesen verrotteten Kavalleristen. Ich spiele eher einen Gentleman-Bösewicht. Einen zwielichtigen Saloonbesitzer, der sich eine kleine Stadt gebaut hat und am Anfang noch als Gutmensch neben Winnetou und Old Shatterhand reitet. Der sich aber allmählich als derjenige entpuppt, der die ganzen Fäden zieht und sich unglücklich in die Bardame verliebt. Eine elegante, fast tragische Figur mit vielen Facetten. Diese Rolle wie im Schmierentheater mit großer Geste zu spielen, macht echt Laune.


Erfüllen Sie sich mit Ihrem Ausflug in den Wilden Westen auch einen Jugendtraum?


Unbedingt. Da kann ich das Kind im Manne ausleben. Schon bei den Proben habe ich gemerkt, wie ich abgehe. Das ganze Geballer und Geschieße ist total mein Ding. Da bin ich voll dabei. Schon als Junge wollte ich Cowboy sein, ein furchtloser Held mit starker Knarre und schnellem Gaul. Das fand ich supercool. Allerdings wollte ich immer zu den Guten gehören.


Auch Ihre Kino-Karriere ist tierisch gestartet: „Karniggels“ wurde auf dem Bauernhof von Detlev Bucks Eltern in Nienwohld gedreht ...


Oh ja, das war eine tolle Zeit. Da waren wir Schauspieler voll in die Familie integriert. Haben morgens noch bei den Bucks gefrühstückt, danach Heu eingefahren und abends gedreht. Übrigens werde ich manchmal heute noch mit Detlev Buck verwechselt.


Im „Tatort“ als Dauerfreund von Maria Furtwängler als TV-Kommissarin werden wir Sie künftig nicht mehr sehen. Warum haben Sie diese Rolle geschmissen?


Das war eine rein berufliche Entscheidung, kein Zerwürfnis. Die Rolle hatte irgendwann zu wenig Fleisch. Am Schluss habe ich nur noch den Babysitter gespielt. Bevor mich das Publikum öde gefunden hätte, wolle ich lieber auf dem Höhepunkt der Sympathie gehen. Also habe ich mich elegant verabschiedet – als ein Krimiautor, der sich auf unbestimmte Zeit auf eine Lesereise begibt.


Auch in Ihrem wirklichen Leben sind Sie Autor. Finden Sie momentan noch Zeit zum Schreiben?


Mal sehen. Ich habe mir während der Wochen in Bad Segeberg ein kleines Häuschen am Rand der Stadt gemietet. Vielleicht kann ich mich dort an den arbeitsfreien Tagen zurückziehen und meinem literarischen Hobby nachgehen und deutsche Songtexte schreiben. Zu Hause komme ich als Familienvater ja kaum noch dazu. Vor allem mein dreijähriger Sohn Lou Lennon nimmt viel Zeit in Anspruch.


Sie leben mit Ihrer Freundin Corinna Fellensiek in einer Patchworkfamilie. Wie klappt das?


Sagen wir mal so: Es wird nie langweilig. Meine 13-jährige Tochter Luna lebt bei ihrer Mama im Ruhrgebiet, hat aber auch ein Zimmer bei uns in Berlin und kommt so oft sie kann zu Besuch. Sie versteht sich auch gut mit Lou Lennon und mit meinem Ziehsohn Johnny, der gleich alt ist wie sie. Janina, die älteste Tochter meiner Lebensgefährtin, ist 23 und schon fast bei uns ausgezogen.


Trotzdem haben Sie mal gestanden, kein Familienmensch zu sein...


Ich bin kein Rudeltier. Ich stamme zwar aus einer intakten Familie mit festen Werten und habe einen jüngeren Bruder, aber trotzdem bin ich auch gerne mal allein. Vielleicht weil ich in meinem Beruf immer von Menschen umgeben bin und viele intensive Gefühle durchspielen muss. Von Hass und Liebe über Wut und Trauer bis zur rasenden Eifersucht und Mordgelüsten. Da bin ich abends oft emotional erschöpft, mental ausgelaugt und sehne mich nach Rückzug und Ruhe.


Für welche Filmprojekte standen Sie zuletzt vor der Kamera?


Vor meinem Engagement in Bad Segeberg habe ich zwei Komödien abgedreht. Eine schöne, leichte Liebesgeschichte über die Beziehung zwischen einer Türkin und einem Deutschen. Da habe ich den Pfandleiher gespielt, der die beiden verkuppelt. Und die Ruhrgebietskomödie „Liebe, London, Taubenschlag“ über einen Taubenvater, der seine alte Band rekrutiert.


Sie haben ja schon die unterschiedlichsten Rollen in den verschiedensten Genres gespielt. Wie viele Figuren haben Sie bis heute verkörpert?


Keine Ahnung. Neulich habe ich mir den Spaß gemacht und meine Filme gegoogelt. Ich habe selber gestaunt, was ich da an Filmografie zusammengetragen habe.


Und Sie haben sogar schon den „Deutschen Comedy-Preis“ eingeheimst ...


Ja, allerdings bewahrt mich das nicht vor Existenzängsten. Viele denken, so ein Fernsehfuzzi, der im Rampenlicht steht, fährt die Kohle mit der Schubkarre nach Hause. Doch wenn man älter wird und eine Familie hat, sucht man auch als Schauspieler mehr soziale Sicherheit. Und da empfinde ich es als Ungerechtigkeit ohnegleichen, dass ich ständig in diese Solidaritätstöpfe zahle und nie einen Cent rauskriege, weil ich entweder zu viel oder zu wenig verdiene. Wenn ich Hilfe bräuchte, würde ich alleine dastehen.


Aber als erwerbsloser Schauspieler könnten Sie doch zum Arbeitsamt gehen, oder nicht?


Das hatte ich sogar schon mal gemacht, als ich keinen Job hatte. Und da wurde mir vorgerechnet, dass ich – obwohl ich bis dahin schon Tausende Euros in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt hatte – als selbstständiger und zugleich weisungsgebundener Künstler keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld hätte. Auf dem Arbeitsamt wissen die gar nicht, wie sie auf arbeitslose Künstler reagieren sollen. Wir fallen voll aus dem Sozialnetz. Da muss Deutschland noch mal nachbessern.


Ihre Offenheit ehrt Sie. Ist das ein typischer Charakterzug, der einem im Ruhrgebiet in die Wiege gelegt wird?


Die Ruhrpottler sind schon ein außergewöhnlicher Menschenschlag. Irgendwie anders. Die sind sehr direkt, nehmen kein Blatt vor den Mund. Kann sein, dass mich das geprägt hat. Ich bin ja in Bochum geboren und aufgewachsen. Und da bin ich stolz drauf. Mein Vater hat als Stahlkocher 25 Jahre malocht und uns Kindern trotzdem alles ermöglicht. Aber geschenkt wurde uns nichts, wir mussten uns alles hart erarbeiten.


Hinter Ihnen liegt ein bewegtes Leben inklusive Punk- und Drogenvergangenheit. Wann sind Sie ruhiger geworden?


Ruhiger wird’s durch Learning by Doing. Durch die Erfahrung. Ich war schon immer ein Autodidakt. Hab vieles ausprobiert, von allem immer einen großen Bissen genommen und dabei festgestellt, dass meine Lust am Leben größer ist als der Spaß am Rausch. Mir war es irgendwann wichtiger, aus meinem Leben was zu machen, als zugedröhnt durch die Gegend zu eiern. Man kann auch Vollgas geben, ohne gegen die Wand zu fahren.


Woher rührt Ihre ausgeprägte Lebenssehnsucht, schwingt da vielleicht auch eine gewisse Melancholie mit?


Jede Lust hat auch damit zu tun, dass man irgendetwas Unerfülltes, Unbefriedigtes mit sich schleppt. Dass man so viel lebt, dass man immer weitertickt. Auch ich habe diese innere Ruhe, diesen Platz in mir selbst noch nicht gefunden. Das stimmt mich manchmal ein wenig melancholisch. Selbst nachts komme ich nicht zur Ruhe. Da stehe ich schon mal auf und schmiere mir ein Bütterchen.


Ihr TV-Durchbruch kam mit einem Fernsehspot, in dem Sie einen Aussteiger spielen, dessen Filmtochter von einem Spießerleben träumt. Sind Sie selber inzwischen zum Spießer mutiert?


Das glaube ich nicht. Spießer sind für mich keine Leute, die sich engagieren, die sich darum kümmern, dass ihr Leben in vernünftigen Bahnen abläuft und die ihren Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen. Spießer sind Menschen, die kleingeistig denken, die hinter der Gardine stehen und mit dem Finger auf andere zeigen.


Vermitteln Sie das auch Ihren Kindern?


Ich versuche es. Ich will mich nicht verbiegen, um Vorbild zu sein. Mein Lebensmotto lautet: Leben und leben lassen. Mit ein bisschen Demut, Höflichkeit und Weitsicht, was die Umwelt und unsere Mitmenschen betrifft, mit Vertrauen und dem Gefühl, geliebt zu werden – damit kommt man schon ganz gut über die Runden. Dann darf man ruhig auch ein bisschen ausgeflippt bleiben. Schließlich kann nicht jeder Winnetou sein.


Das Interview führte Claudia Pless


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