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09.07.2010 -
20. Jazz Baltica auf Schloss Salzau
Klänge, so schön, dass es wehtut: Vibrafon und kolumbianische Harfe. Die ist einem Dampfhammer ähnlicher als einem Engelsinstrument. Joe Locke (li.) und Edmar Castaneda spielten zum ersten Mal als Duo zusammen. Foto: Tonio Keller
Die Schönheit des Regenbogens auf der Seifenblase
Jazz Baltica feiert sein 20-jähriges Jubiläum. Jazz Baltica bekommt die Landesmittel gestrichen. Schloss Salzau, der Veranstaltungsort, wird verkauft. Soll es das gewesen sein? „Jazz Baltica lebt“, sagt Rainer Haarmann, Gründervater und musikalischer Leiter des Festivals, „wir machen weiter.“ Ein Nachmittagsset hat der Bauernblatt-Redakteur besucht – hier ein kleiner Ausschnitt von einer großen Sache.
Das könnte ein Hoffnungssymbol für das Festival sein: „Last words“ heißt das Stück, doch die sanft einschmeichelnden Klänge der beiden Saxofone klingen keineswegs wie „letzte Worte“, sondern wie der verheißungsvolle Traum einer schönen Zukunft. Die Star-Saxofonisten Chris Potter und Marcus Strickland haben sich zu dem Trio Benny Green, Martin Wind, Matt Wilson gesellt und zeigen, in welch vielseitigen Facetten Blues und Bebop schillern können. Wie viele Töne selbst noch in eine Zehntelsekunde passen, demonstriert Benny Green am Piano. Eine kleine Melodie wie von einem Kinderspaßlied versteigt sich in ein wüstes Nirvana, bei dem schräge Saxofontöne den einzigen Halt geben.
Harfe und Vibrafon – denkt man da nicht an Engelsgesang? Die kolumbianische Harfe, die Edmar Castaneda bearbeitet, klingt eher wie ein Dampfhammer. Zusammen mit den Tönen, die John Locke aus dem Vibrafon freilässt, verschmilzt dies zu Klängen an der Schmerzgrenze des Schönen. Castanedas Solostück „Jesus de Nazareth“ ist ebenfalls kein cherubinischer Lobgesang, sondern erinnert mit seinem dominanten Grundrhythmus eher an eine lange, zielstrebige Wanderung. Das irdische Leben von Jesus breitet sich vor uns aus: sein Auftrag, sein Schmerz, seine Leidenschaft für die Menschen.
Nach diesen geballten Klängen ist die nüchterne Musik der Gruppe „Fly“ aus New York (Mark Turner, Larry Grenadier, Jeff Ballard) ein wohltuender Kontrast. Leere Quinten und Quarten statt lieblicher Terzen, Halb- und Ganztonschritte unbeirrbar auf und ab, das Schlagzeug bremst vor jedem Taktschluss, der Bass zupft nur zwei Töne pro Takt – ba damm. Große Spannung im Wenigen. Da gehen einige, aber die bleiben, klatschen begeistert nach jedem Solo.
1.500 der rund 7.500 Besucher hatten am Ende für den Erhalt des Festivals unterschrieben. „Jazz Baltica lebt“, sagt Rainer Haarmann. „Wir werden weitermachen. Wir werden kämpfen bis zum Umfallen. Mehr sage ich nicht. Etwas anderes sage ich nicht.“
Etwas anderes sagte die erste Band des Nachmittags mit dem Gedicht „Bubbles“ von Carl Sandburg: „Es war wert, eine Seifenblase zu sein, nur um diesen Regenbogen für 30 Sekunden zu halten.“
Tonio Keller





