Familie/Freizeit/Land und Leute
09.07.2010 -
Das Bernsteinmuseum von Heinz Sandeck in Rurup
In Sachen Bernstein ist Heinz Sandeck ein Fachmann und freut sich über jeden Besucher seines Museums. Foto: Ursel Köhler
Im Sturm gesammelt, im Stillen geschliffen
„Das Gold der Ostsee ist mein Leben“, sagt der 81-jährige Heinz Sandeck, geboren in Breslau und aufgewachsen beim Großvater, einem Bernsteinschleifer in der Nähe von Königsberg in Ostpreußen. Und weil die großväterliche Werkstatt „mein Spielplatz“ war, stand für ihn schnell fest, dass auch er Bernsteinschleifer, -drechsler und -schnitzer werden wollte. „Alles, was ich kann, habe ich von meinem Großvater gelernt“, sagt Sandeck, der 1970 in Rurup (Gemeinde Norderbrarup) im Wohnhaus der ehemaligen Wassermühle ansässig wurde, sich eine Werkstatt einrichtete und all die Maschinen, die er für seine Arbeit benötigt, anschaffte. Und weil er sein Wissen weitergeben und sein Können zeigen will, richtete er in seinem Haus vor 20 Jahren ein Bernsteinmuseum ein. Dort heißt er seitdem Jahr für Jahr vom 1. Mai bis 31. Oktober täglich von 10 bis 12 und 14 bis 17 Uhr Besucher willkommen.
Und er hat viel zu erzählen und zu zeigen. „Ich will neugierig machen“, erklärt Sandeck – und das gelingt ihm. Er, der in den Jahren vor seiner Sesshaftigkeit mit Bernsteinschmuck aus eigener Herstellung gemeinsam mit Ehefrau Elisabeth, mit der er seit 55 Jahren verheiratet ist, durch ganz Deutschland von Markt zu Markt zog und das Geld, das er brauchte, um sich seinen Werkstatt- und Museumswunsch zu erfüllen, verdiente, hat, wie er selbst sagt, „talentierte Finger“.
Und die sind ständig in Aktion, um zu schleifen, drechseln und schnitzen. Er brauche, so Sandeck, den Bernstein wie die Luft zum Atmen – ein Leben ohne dieses „Gold des Nordens“, wie es auch genannt wird, könne er sich nicht vorstellen.
Bernstein, ein fossiles Harz aus Nadelbäumen des Eozäns – zwischen 55 und 40 Mio. Jahre alt –, leitet sich aus dem niederdeutschen Wort „bernen“ – gleich „brennen“ – ab. Er ist nicht nur schön, sondern hat – weil pflanzlich – auch Heilkräfte. Das, so Sandeck, wussten schon die alten Römer und Etrusker.
Für ihn selbst war Bernstein von Kindesbeinen an ein täglicher Begleiter. Zu ihn pflegt er ein inniges Verhältnis. Auswuchs dessen sind etwa die „Bernsteintropfen“, die er kreiert hat. Dafür lässt er Rohbernstein und Alkohol drei Jahre lang „reifen“. Die helfen gegen allerlei Leiden – Abnehmer aus der ganzen Republik bestätigen ihm das.
Zum Leidwesen von Heinz Sandeck ist das Wissen um Bernstein in Vergessenheit geraten und damit dessen Wertschätzung. Fundorte des Bernsteins sind, so der Fachmann, zu 2 % die Ostsee, zu 8 % die Nordsee. 90 % hingegen werden im ostpreußischen Palmnicken (heute Russland) bergbaumäßig „geerntet“, und das bereits seit 1860: 700 bis 900 t im Jahr. Vor Jahrmillionen wurden die sogenannten Bernsteinbäume in der heutigen Ostsee überschwemmt – die Eiszeit schob den Meeresboden bis hin zum Schwarzen Meer.
Weil Heinz Sandeck mit Ostpreußen eng verbunden ist, schwört er auf baltischen Bernstein. Er sucht ihn nach Stürmen an der Nordsee. Die müssen so heftig sein, dass sie den Meeresgrund aufwühlen. Nur Stürme, bei denen sich der Normalbürger nicht nach draußen wagt, bewirken das Hochspülen des Bernsteins durch Brandungswellen. Sandeck: „Ich habe an der Nordsee meine Stellen, bei denen ich bei abflauendem Wind mit einer Lampe ins Wasser gehe. Deren Licht hat im Laufe der Jahre so manches große Stück reflektiert.“ Auch Laien können durchaus an der Nordsee Bernsteinglück haben – wie gesagt nach Sturmfluten. Aber auch an der Ostseeküste lässt sich das Gold des Nordens finden. Allerdings in sehr viel bescheidenerem Umfang. Denn hier fehlt es an einer mit der Nordsee vergleichbaren Brandung. Aber dennoch: „Krümel“ sind möglich.
Ob man tatsächlich Bernstein gefunden hat, das, so Sandeck, lasse sich gleich an Ort und Stelle feststellen: draufbeißen. „Das muss sich anfühlen, als ob man auf einen Fingernagel beißt: weich und leicht.“
Ursel Köhler





