Schleswig-Holstein

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14.05.2010 -  

Neue Serie: Gut integriert in Angeln

Bild - Neue Serie: Gut integriert in Angeln

1. Folge: Dr. Raif Gülcan-Mülligans in Norgaardholz


In der Norgaardholzer Arztpraxis: Dr. Raif Gülcan-Mülligans mit Ehefrau Simone und der 13-jährigen Tochter Selina. Foto: Hans-Joachim Köhler


Ein Landarzt mit türkischen Wurzeln


„Integration“ ist das Zauberwort in der Debatte über den Umgang zwischen Ausländern beziehungsweise Personen mit ausländischer Herkunft, die in Deutschland leben, und den  hier angestammten Menschen. Oft wird mangelnde Integration beklagt,  aber es gibt auch  gute Beispiele. Hans-Joachim und Ursula Köhler haben solche in ihrer Heimatregion Angeln gefunden und für das Bauernblatt beschrieben. Dabei zeigt sich: Integration ist immer eine Sache von beiden Seiten.


Er hat sich längst das Vertrauen vieler Patienten in den Amtsbezirken Geltinger Bucht und Langballig erobert: der Allgemeinmediziner Dr. Raif Gülcan-Mülligans, ein gebürtiger Türke. Der 45-Jährige, verheiratet mit der aus Aachen stammenden Simone Mülligans, lebt und praktiziert seit 2005 in einem „Haus am Meer“ in Norgaardholz in der Gemeinde Steinberg. Zur Famlie gehört auch Tochter Selina (13).


„Wir gehen bisweilen mal türkisch essen“, sagt der Doktor. Aber damit erschöpft sich auch weitgehend seine emotionale Bindung an die türkische Kultur. Das sogenannte „Heimatgefühl“ spiele ohnehin unter globalen Gesichtspunkten keine große Rolle mehr, merkt er an. „Heimat ist für mich Norgaardholz, denn hier bin ich zu Hause, und hier fühle ich mich wohl.“


Ehefrau Simone ist gelernte Hotelfachfrau. Viele Jahre arbeitete sie als Reservierungsleiterin in einer Aachener Reha-Klinik. Ihrem  Raif, der damals schon seit zwei Jahren als Facharzt für innere Medizin tätig war, gab sie im Jahr 2000 im Standesamt von Hattingen an der Ruhr das Jawort.


Raif Gülcan, Sohn eines anatolischen Bauern, wurde in einem einsamen Dorf im Hügelland unweit des Schwarzen Meeres geboren. Als er gerade als Abc-Schütze die Dorfschule besuchte, kam auf seine Familie eine große Herausforderung zu:  Die kargen Lebensumstände zwangen den Vater, sein Glück im fernen Deutschland zu suchen. So machte dieser sich 1972 allein auf den Weg nach Gronau in Westfalen und verdingte sich – dem Beispiel vieler seiner Landsleute folgend – als „Gastarbeiter“ in einer Textilfabrik. Als Neunjähriger kam Sohn Raif zwei Jahre später mit seiner Mutter in Gronau an, und die Familie war sozusagen „wiedervereint“.


Der Junge besuchte fortan die mit türkischen Lehrern besetzte Grundschule, nutzte jedoch zugleich von Anfang an freiwillig das Nachmittagsangebot für den Deutschunterricht. Damit eröffnete er sich alle Bildungschancen. 1985 bestand Raif in Köln das Abitur. Nach dem Medizinstudium in Bonn und Aachen folgte 1998 das Staatsexamen. Längst hatte er (1994) auch die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten.


Unumwunden gibt Raif Gülcan zu, dass früher eine Gruppe von Türken in seinem Umfeld versucht hatte, ihn ideologisch zu indoktrinieren – im Sinne des Festhaltens an traditonellen türkischen und islamischen Werten. Nichts da! „Ich habe immer meinen eigenen Kopf durchgesetzt und mich nicht beeinflussen lassen.“ So vertritt er heute die Auffassung, dass es richtig und weise war, neue Werte zu übernehmen, ohne jemals die türkischen Wurzeln zu verleugnen.


Beruflich hat der „Landarzt“ Dr. Gülcan mit dem Praxis-Standort Norgaardholz einen Volltreffer gelandet. „Wir standen im heißen Sommer 2003 mit dem Rücken zum Meer und blickten auf dieses Haus“, erinnert sich Simone Gülcan. „Es war wie eine Liebe auf den ersten Blick.“ Zwei Jahre danach übernahm Dr. Gülcan die allseits geschätzte Gemeinschaftspraxis von Dr. Peter und Dr. Angelika Schmidt, die im nahen Habernis wohnen. Übrigens: Gegen 60 andere interessierte Ärzte aus allen Gegenden Deutschlands bis in den Schwarzwald hinein hatte sich Bewerber Gülcan durchsetzen können!


Auch in der Dorfgemeinschaft von Norgaardholz hat die Familie festen Fuß gefasst. Der Doktor ist Mitglied der Feuerwehr Steinbergholz – allerdings wegen der hohen beruflichen Belastung nur „passiv“. Das Cello und die türkische Langhalslaute, mit der er früher sogar in einer Band spielte, hat er aus demselben Grund an den Nagel hängen müssen.


 Als  Allgemeinmediziner und „Einzelkämpfer“ in Angeln antwortet er auf die Frage, was er von dem herzensbrechenden „Landarzt“ der TV-Serie des ZDF halte: „Ich denke, Wayne Carpendale ist ein guter Schauspieler, und ich bin ein guter Landarzt.“


Hans-Joachim Köhler


 


 


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