Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

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07.05.2010 -  

Fische mit Ultraschallsendern sollen Erkenntnisse über die Eignung der Gewässer bringen

Bild - Fische mit Ultraschallsendern sollen Erkenntnisse über die Eignung der Gewässer bringen

Im Dienste der Wissenschaft ab in die Freiheit: Jörn Geßner vom Leibniz-Institut setzt die drei Versuchs-Störe in die Stör. Hinten auf dem Boot bedient sein Kollege Frank Fredrich die Telemetriegeräte.

Was stört den Stör in der Stör?

Der Stör – die Stör: Welcher Name von welchem abstammt, wissen nicht einmal die Sprachwissenschaftler. „Fluss und Fisch, beide heißen Stör, und beide gehören zusammen, damit wollen wir es bewenden lassen“, findet Uwe Jens Lützen von der Gesellschaft zur Rettung des Störs. Nicht bewenden lassen wollen es die Freunde des Fisches damit,  dass er aus den  norddeutschen Gewässern  verschwunden ist. Die letzten Einzelfische wurden 1986 in der Ostemündung und 1993 vor Helgoland gefangen.Könnte der Stör in der Stör wieder heimisch werden? Um dies zu erkunden, werden in diesem Jahr wieder Störe  in den Fluss gesetzt – ein Projekt des Bundesamtes für Naturschutz. Der Erste dieser Fische wurde am 26. April in der Stör bei Rosdorf nahe Kellinghusen ausgesetzt. Er ist mit einem Ultraschallsender ausgestattet, die entsprechende Technik nennt sich  Telemetrie. „Dies ist noch keine Wiedereinbürgerung des Störs“, betont Jörn  Geßner vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, der die Versuche zusammen mit seinem Kollegen Frank Fredrich durchführt. Die Testfische sollen zunächst einmal nur Erkenntnisse über ihr Wanderverhalten liefern und damit Rückschlüsse auf die  Eignung  der Gewässer als Lebensraum für sie erlauben.
Die Exemplare bekommen die Forscher aus Frankreich, wo es noch einen Pool von einigen Hundert genetisch reinen europäischen Stören gibt. In Deutschland wurde in  15 Jahren aus elf Tieren  in Kooperation mit französischen Kollegen ein Elterntierbestand aufgebaut. Diese Tiere werden noch  zur weiteren Zucht benötigt,  und das braucht Zeit, denn erst mit acht bis zwölf Jahren werden die Männchen, mit zwölf bis 15 Jahren die Weibchen geschlechtsreif. 
Bereits im vergangenen Jahr begannen die Telemetrieversuche in der Stör, über die Geßner und Fredrich jetzt bei einer Informationsveranstaltung der AktivRegion Holsteiner Auenland im Bürgerhaus Kellinghusen berichteten. 2009 wurden 50 Störe  in der Stör eingesetzt, davon drei mit Ultraschallsendern, die in die Leibeshöhle eingeführt wurden. Die senden permanent Signale – bis die Batterien leer sind. „Dadurch können wir zu jedem Zeitpunkt die Position des Fisches ermitteln“, so Geßner.  Die übrigen Versuchsfische tragen optische Marken.  Ihre Position wird nur bekannt, wenn sie irgendwo gefangen werden – so einer von ihnen am 5. April dieses Jahres bei Esbjerg vor der dänischen Küste.
Allerdings sind die Ultraschallsignale auch nur zu empfangen, bis der Fisch die Elbmündung erreicht. Der Erste dieser  Störe schaffte das in 36 Stunden, „dann war er weg“. Der zweite ließ sich 17 Tage Zeit, verweilte in einigen Abschnitten länger, kehrte sogar einmal kurz um, bevor er weiterzog. Der dritte brauchte sechs Tage für seine Reise. Besonders gefallen hat es ihnen in der Stör offensichtlich nicht, aber „vielleicht waren sie auch schon zu groß“. Es ist nämlich eine Strategie der Natur, dass bei Wanderfischen die großen Exemplare, die viel fressen, den Platz räumen und hinaus auf See schwimmen, „wo ordentlich Futter ist“.
Dass der Stör die heimischen Flüsse schon lange verlassen hat, führen die Fachleute vor allem auf die Verbauung der Gewässer und die damit verbundene Verarmung ihrer Struktur zurück. Nötig sind zum Beispiel Sandbänke, wo sich genügend große Würmerkolonien bilden – Futter für die Fische. Auch die hohe Fließgeschwindigkeit in begradigten Flüssen macht bei der Wanderung zu schaffen.
Wie es um die Stör und ihre Nebenflüsse bestellt ist, erklärte  Ingenieur Stefan Reese bei der Informationsveranstaltung. Ein „sand- und lehmgeprägter Tieflandfluss“ wäre die Stör von ihrem Typus her, „gewunden und mäandrierend, flach mit ausgebildeten Prall- und Gleithängen“. Ihre Nebengewässer wären eher „kiesgeprägte Tieflandbäche“ mit  „flach überströmten und kurzen, tiefen Abschnitten im Wechsel, ruhige Bereiche wechselnd mit turbulenten“. Diese Kriterien werden keineswegs befriedigend erfüllt. Die Gewässerstruktur wird als schlecht, die Gewässergüte mit II bis III (deutliche Belastung) eingestuft.
Verbesserungen gemäß der EU-Wasserrahmenrichtlinie hat der Wasser- und Bodenverband Mittleres Störgebiet  bereits eingeleitet. So wird die Brücke Rothensande durchgängig gemacht, und es werden zwei naturnahe Kiesbänke angelegt. An sechs Stellen können auf Gelände der Stiftung Naturschutz Verwallungen zurückgenommen werden, und es werden Engpässe geschaffen. Auch an den Nebenflüssen, insbesondere an der Wegebek, sind Maßnahmen geplant. Reese machte aber auch klar, welch langer Atem erforderlich ist: Mit all diesen Bemühungen strebt man an,  2020 bis 2025 wenigstens die Kategorie „mäßig“ für die Stör bis „gut“ für die Nebenflüsse zu erreichen!
Für all das braucht es eine gute Akzeptanz in der Bevölkerung, und auch dafür setzt sich die AktivRegion Holsteiner Auenland ein. Der Förderung des Tourismus kommt dabei eine hohe Bedeutung zu, erklärte Olaf Prüß vom Büro RegionNord: Radwege, Kanuwandern und das Störschipperfest sind die wichtigsten Elemente dabei, die beworben werden, noch ungenutztes Potenzial gebe es bei der Personengastschifffahrt.
Und schließlich stiftet der Fisch Stör  auch Identität in der Stör-Region, wie Uwe Jens Lützen verdeutlichte. Nicht umsonst prangt er im Wappen von Bekmünde und Bahrenfleth und im neu geplanten von Störkathen, außerdem auf einem Gedenkstein vor der Grundschule Kellinghusen. Wie schön, wenn er künftig auch wieder lebendig durch die Gewässer ziehen würde! Tonio Keller
transparent  


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