Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Familie/Freizeit/Land und Leute

07.05.2010 -  

Aufs Korn genommen

Plinius an der Nordsee
„Nordsee – Mordsee“ ist seit alters her eine Redensart an der  Westküste. Georg Quedens aus Norddorf auf Amrum hat in seinem gleichnamigen neu erschienenen Buch den – oft vergeblichen – Kampf der Menschen  gegen die Sturmfluten  der Nordsee beschrieben. Er verrät uns darin auch, welchen Eindruck der römische Schriftsteller  Plinius der Ältere hatte, als er  47 und 58 nach Christus die Nordseeküste besuchte, wo damals der Volksstamm der Chauken lebte:
„Zweimal in 24 Stunden überflutet der Ozean mit starker Brandung die Küste, sodass man nicht sagen kann, ob sie zum Land oder zum Meer gehört. Hier wohnt ein unglückliches Volk auf Erdhügeln oder Gerüsten, die es sich nach den Erfahrungen der höchsten Flut gebaut hat. Zu Flutzeiten gleichen sie Seefahrern, Schiffbrüchigen bei Ebbe. Bei Ebbe machen sie Jagd auf die mit dem Meer fliehenden Fische. Vieh zu halten und von Milch zu leben ist ihnen nicht vergönnt, ja nicht einmal Wild zu jagen. Denn rings ist kein Baum und Strauch. Aus Reet und Binsen flechten sie Netze, und mit den Händen wühlen sie Schlamm aus, den sie mehr im Winde als in der Sonne trocknen. Damit kochen sie ihr Essen und wärmen ihre Leiber. Ihr einziges Getränk ist Regenwasser, welches sie in Gruben vor ihren Häusern auffangen.“
Heute können dank modernen Küstenschutzes und organisierter Seenotrettung viele Gefahren abgewendet oder gemildert werden – wenn auch die Naturgewalt der See immer unberechenbar bleiben wird. „Von Milch zu leben“ ist den Anwohnern inzwischen vergönnt, und auch zu trinken gibt es Besseres als Regenwasser. So kann man getrost davon ausgehen, dass Friesen oder Dithmarscher kein „unglückliches Volk“ mehr sind  – wenn sie es je waren. Vielleicht war ja der reiche Römer Plinius auch etwas verwöhnt  und voreingenommen. Er  fiel übrigens  einer ganz anderen Naturgewalt zum Opfer: Er starb im Jahr 79 beim Ausbruch des Vesuv. Tonio Keller
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