Schleswig-Holstein

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Familie/Freizeit/Land und Leute

07.05.2010 -  

Zum Muttertag: Ute Schulte Ostermann erzählt aus dem Leben einer Großfamilie

Bild - Zum Muttertag: Ute Schulte Ostermann erzählt aus dem Leben einer Großfamilie

Die Geschwister: Elf Freunde sollt ihr sein!  Lilika, Michel, Jakob, Franziska, Hannes, Juleka, Kaspar, Katinka, Sacha, Anouchka und Nicolas (v. li.) verstehen sich prima.  Foto: privat

Elf Kinder, na und?
An diesem Sonntag ist Muttertag. Viele Frauen werden mit einem Blumenstrauß oder einer Schachtel Pralinen beglückt. Ute Schulte Ostermann legt auf derlei Aufmerksamkeiten keinen Wert. Elf Kinder hat sie zur Welt gebracht. Hier erzählt die Kielerin über das turbulente Leben in einer Großfamilie.
Eine Frage, um die Ute Schulte Ostermann nie herumkommt, ist die, ob sie tatsächlich schon immer so viele Kinder bekommen wollte? „Nein, das hat sich einfach so ergeben. Ich habe immer nur von einem Kind zum nächsten gedacht“, sagt sie und lacht. Zum Bauernblatt-Gespräch lädt sie in ihre gemütliche Wohnküche an den großen, rustikalen Esstisch. Früher saßen hier regelmäßig 13 Personen zu den Mahlzeiten, heute sind es nur noch zwei. Während die 65-Jährige einen Einblick in ihr ereignisreiches Leben gewährt, gibt es Tee und selbst gebackenes Brot.
Mit drei kleinen Kindern aus erster Ehe kommt Ute Schulte Ostermann Anfang der 1970er Jahre aus Hamburg als alleinerziehende Mutter nach Kiel. Hier will sie Sozialpädagogik an der Fachhochschule für Sozialwesen studieren. Sie sucht eine geeignete Bleibe und entscheidet sich für eine bunt zusammengewürfelte Wohngemeinschaft auf dem Lande. Mit ihren Kindern Nicolas, Anouchka und Sacha bezieht sie einige Zimmer eines großen, gut erhaltenen Bauernhauses im Dorf Moorsee am Kieler Stadtrand. „Ich dachte, in einer WG kann ich die Kinderbetreuung besser organisieren, als wenn ich alleine bin. Außerdem mag ich gern viele Menschen um mich herum“, erzählt sie.
In der Wohngemeinschaft lernt sie einen Mitbewohner kennen, der ihr besonderes Interesse findet – Andreas. Er studiert Biologie. Bald wird aus den beiden ein Paar. 1976 heiraten sie. Doch erst nach dem sechsten Kind geben sie das Leben in ihrer WG auf und suchen sich ein eigenes Haus. Noch heute sind die beiden ein glückliches Ehepaar.
Wie sie es damals geschafft hat, Studium und Familie unter einen Hut zu bekommen? „An der Fachhochschule initiierte ich mit anderen Studentinnen und Studenten eine Kinderkrippe. Zwischen den Seminaren und Vorlesungen konnten wir Mütter zum Stillen gehen oder nach unserem Nachwuchs schauen. Das erleichterte die Situation“, erinnert sie sich.
Auch der Mann übernimmt Familienpflichten
Nach Abschluss des Studiums steht für Ute Schulte Ostermann und ihren Ehemann fest, dass derjenige von beiden, der zuerst eine feste Anstellung erhält, arbeiten geht. Der andere legt seinen Lebensschwerpunkt auf den Haushalt und die Kinder.
„Ich fand schnell eine Arbeit als Sozialpädagogin und wurde Leiterin eines offenen Jugendtreffs“, erzählt Ute Schulte Ostermann. „Die Arbeitszeiten lagen günstig am Nachmittag, sodass ich vormittags bei den Kindern sein konnte. Mein Mann arbeitete als Biologe von zu Hause aus. Er hatte meist Zeit- oder Projektverträge, die sich gut mit Familienpflichten koordinieren ließen. So war immer ein Ansprechpartner für unsere Kinder da“, betont sie.
Katinka, Kaspar, Juleka, Hannes, Franziska, Jakob, Michel und Lilika kommen im Abstand von rund zwei Jahren zur Welt. „Ich habe alle Kinder gestillt und ging meist früh wieder arbeiten. Nur einmal nahm ich Erziehungsurlaub. Einige Jahre war ich in Teilzeit beschäftigt.“ Sehr hilfreich ist es für die Großfamilie, dass sie sich ein enges soziales Netzwerk geschaffen hat. Familienangehörige, Freunde und Nachbarn unterstützen sie, wo es nur geht. „Das war eine tolle Gemeinschaft, ein Nehmen und Geben, wir halfen uns gegenseitig, wo es nötig war.“

Kinderreichtum sorgt für dumme Sprüche

Für den Nachwuchs hat das Leben in einer Großfamilie nicht nur positive Seiten. Die Kinder müssen sich in der Schule viele dumme Sprüche anhören: „Kennen deine Eltern die Pille nicht?“ „Haben deine Eltern so viele Kinder, weil ihr keinen Fernseher habt?“ – „Uns gegenüber hieß es häufig: Elf Kinder, das ist ja verrückt! oder: Wie halten Sie das nur aus, uns reichen schon zwei!“, sagt  Ute Schulte Ostermann. „Wenn ich neue Menschen kennenlernte, war ich deshalb mit Familieninformationen zunächst sehr zurückhaltend. Ich wollte als ,Frau’ definiert und nicht als ,kinderreich’ diffamiert werden.“
Obwohl große finanzielle Sprünge nicht drin sind, ist die Familie mit ihrem Leben zufrieden. Familienurlaube gibt es nicht. Wollen die Kinder verreisen, besuchen sie die Großeltern, die auf einem Bauernhof leben. Eine sparsame Haushaltsführung ist tagtäglich angesagt. „Ich habe die Kleidung für die Kinder selbst gestrickt und geschneidert. Wir bauten Obst und Gemüse im Garten an, backten unser Brot selbst, hielten Hühner und Schafe. Um die Wäscheberge zu reduzieren, trugen die Kinder oft Lederhosen und Strickpullis, die nicht so schnell dreckig wurden. Eine gute Organisation des Familienlebens war das A und O“, blickt die  Mutter zurück.

Vom Kindergeld gibt es Musikunterricht
Eines war ihr immer wichtig: den Kindern eine bildungsanregende Umgebung zur Verfügung zu stellen, in der sie vielfältige individuelle Anregungen und Herausforderungen finden. „Einige Kinder besuchten die Waldorfschule. Alle erhielten privaten Musikunterricht und lernten ein Instrument. Das bezahlten wir von unserem Kindergeld. Außerdem versuchten wir, unseren Kindern in Wort und Tat ein positives Vorbild zu sein. Wir sahen uns mehr als Entwicklungsbegleiter, weniger als Erzieher“, bringt die elffache Mutter es auf den Punkt.
Mittlerweile ist Ute Schulte Ostermann auch neunfache Großmutter. Ihre Kinder sind zwischen 46 und 21 Jahre alt. Erst im vergangenen Jahr haben die beiden Jüngsten das elterliche Nest verlassen. Alle Söhne und Töchter leben über die Bundesrepublik verstreut und haben die unterschiedlichsten Berufe ergriffen:  Anouchka ist Fachärztin für Onkologie, Katinka ist Pfarrerin, Juleka ist Kriminologin, Hannes ist Zahnarzt, Michel studiert Psychologie, und Nesthäkchen Lilika absolviert ein Freiwilliges Ökologisches Jahr, will danach Kunst studieren.
Kaspar, gelernter Zimmermann, studiert zurzeit Mathematik und Philosophie. Mit seiner Frau Marie und den beiden ein und sechs Jahre alten Töchtern ist er kürzlich in sein Meimersdorfer Elternhaus zurückgezogen, bewohnt dort eine abgeschlossene Wohnung. Die Großeltern unterstützen die junge Familie regelmäßig bei der Kinderbetreuung.
Ob Ute Schulte Ostermann den diesjährigen Muttertag feiern wird? „Nein, darauf lege ich keinen gesteigerten Wert. Warum bekommen Mütter am Muttertag Pralinen, Blumen und Frühstück ans Bett? Und einen Monat später zieht dann so mancher Papa  am Vatertag mit anderen Papas samt Bollerwagen durchs Grüne! Da stelle ich doch den Sinn infrage. Mutter und Vater sind für die Entwicklung der Kinder gleich wichtig. Der Muttertag sollte in einen Elterntag umgewandelt werden, der von allen gemeinsam gefeiert wird“, schlägt sie deshalb vor.
Silke Bromm-Krieger
transparent  


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