Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Familie/Freizeit/Land und Leute

07.05.2010 -  

Serie: Alte Postkarten aus Angeln – 8. und letzte Folge: Der Dorfkrug in Stoltebüll

Bild - Serie: Alte Postkarten aus Angeln – 8. und letzte Folge: Der Dorfkrug in Stoltebüll

Diese Postkarte von 1904 zeigt, dass sich am  Äußeren des damaligen „Lützen’s Gasthof“ nicht allzu viel verändert hat. Schon damals spendete eine alte Eiche auf dem Vorplatz Schatten.  Sammlung  Berndt Lassen, IG Baupflege Angeln

Hier kaufte der Bürgermeister  Geburtstags-Pralinen
„Ich bin mit Leib und Seele Gastwirtin“, sagt die 76-jährige Thea Lefeldt aus Stoltebüll, die seit über vier Jahrzehnten Chefin des „Dorfkrugs“ – früher „Tanneneck“ – ist. Die Arbeit in der Gastwirtschaft, die sich seit 1938 im Besitz ihrer Familie befindet, hält sie fit. Wie lange die gelernte Hauswirtschafterin, die 1967 von ihrer Mutter die bis dahin verpachtete Gastwirtschaft – „sie befand sich in einem desolaten Zustand und musste rundum renoviert werden“ – übernahm und seit 1970 Eigentümerin ist, noch kochen und am Tresen stehen will? Thea Lefeldt: „Solange meine Gesundheit das zulässt und ich die Arbeit schaffe.“ Und sie fügt hinzu: „Gastwirtin zu sein ist in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht einfach.“ Das Leben habe sich insgesamt verändert, und vieles sei nicht einfacher geworden.
Dem pflichten Tochter Birgitt (50) und deren Ehemann Hans-Joachim Brammer aus Hamburg – beide sind Lehrer – bei. Zusammen mit dem 18-jährigen Sohn Christian-Moritz kommen sie in den Ferien und an den Wochenenden nach Stoltebüll, um Thea Lefeldt bei der Arbeit zu helfen. Als diese vor zwei Jahren ihr 40-jähriges Jubiläum als Gastwirtin feierte, gab es für sie von allen Seiten viel Anerkennung: Vier Dekaden Selbstständigkeit, und das als Frau, das habe Seltenheitswert.
Thea Lefeldt ist die 13. in der Reihe derer, die hier wohnten, lebten und arbeiteten. In der 1982 erschienen Toestruper Kirchspielchronik ist die Rede davon, dass der heutige Dorfkrug ein 60 Heitscheffel großer Bauernbesitz war. Mitte der 1860er Jahre brannte der Krug ab, wurde wieder aufgebaut. Die Besitzer wechselten häufig – 1883 ging das „Gewese“ wieder in Flammen auf. 1894 baute der nunmehrige Besitzer eine Scheune, vergrößerte den Saal durch Anbau einer Bühne. Als Besitzer folgten Ferdinand Lützen und seine Frau – beide brachten Wirtschaft und Handel hoch. Übrigens war Lützen auch einige Jahre Geschäftsführer des landwirtschaftlichen Konsumvereins Toestrup und während des Ersten Weltkrieges Wachmann für russische Kriegsgefangene in Stoltebüll. In einem Nebengebäude gab es eine Bäckerei – hier arbeitete  der damals weithin bekannte Hexenbäcker Christian Thomsen. 1938 kaufte, nachdem es erneut mehrere Besitzerwechsel gegeben hatte, Gerhardt Wilhelm Martin Krüger den Dorfkrug. Nach seinem Tod 1945 führte dessen Frau, die Mutter von Thea Lefeldt, die Gastwirtschaft weiter und überschrieb sie  1970 an ihre Tochter, die bereits seit 1967 im Dorfkrug das Sagen hatte.
Stoltebülls Bürgermeister Hans-Jürgen Schwager, der sich in seiner Gemeinde bestens auskennt, kann Episoden rund um den „Dorfkrug“ beisteuern. Bis Ende der 1980er Jahre gab es in der Gastwirtschaft einen kleinen Kaufmannsladen.  Da konnte man im „Kontobuch“ anschreiben lassen, bezahlte einmal im Monat. Hier hat der Bürgermeister stets die Pralinen für den Geburtstag seiner Frau besorgt. Ebenfalls bis Ende der 1980er Jahre gehörte zum „Dorfkrug“ eine Viehwaage. Hier gaben sich zwei bis drei Mal die Woche Viehhändler aus der Umgebung ein Stelldichein. Nach getaner Arbeit wurden Karten gespielt, gab es manchen Umtrunk, erinnert sich Thea Lefeldt gerne. Und dann die vielen Familienfeste – heute ist das zum Leidwesen der Gastwirtin alles weniger geworden.
Als 1968 eine Bäuerin aus Schörderup, die sich mit „Ferien auf dem Bauernhof“ eine neue Einnahmequelle eröffnet hatte, im Dorfkrug anfragte, ob sie ihre Gäste zum Mittagessen schicken könnte, war die Antwort Ja. Seitdem spielt der Tourismus auch für den „Dorfkrug“ eine wichtige Rolle. 1974 richtete Thea Lefeldt in ihrem Gasthaus die ersten Zimmer für Urlauber ein – heute sind es zehn. Aus dem einstigen Mittagstisch ist mittags und abends längst Essen à  la carte geworden –  mit regionaler Küche und vielen Fischgerichten. So lieben es die Urlauber, von denen viele längst zu Stammgästen geworden sind, ebenso wie die Einheimischen. Da gab es sogar einen Gast, der von Thea Lefeldts Bratkartoffeln als den besten Schleswig-Holsteins schwärmt – dem kann sich der Bürgermeister nur anschließen.
Das heutige äußere Erscheinungsbild des Dorfkrugs von Stoltebüll ähnelt dem von 1904, als die Wirtschaft noch „Lützen’s Gasthof“ hieß, sehr. Die mittlerweile rund 300 Jahre alte Eiche spendete damals wie heute Schatten.
Ursel Köhler
transparent  


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