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30.04.2010 -
120 Kilometer lange Demonstrationslinie führte auch durch Elmshorn
Kunterbunt, fröhlich und lebendig ging es zu bei der Menschenkette – hier in Elmshorn. Foto: Carsten Wittmaack
Mit 120.000 Menschen kam es zur „Kettenreaktion“
Seit Jahr und Tag sind die Atommeiler in Brunsbüttel und Krümmel den Atomkraftgegnern sprichwörtlich ein Dorn im Auge. Was lag da näher, als beide Orte zum symbolträchtigen Ausgangs- und Endpunkt einer Aktion zu machen, an der sich insgesamt rund 120.000 Menschen beteiligten. „Kettenreaktion – Atomkraft abschalten“ hieß das Motto, zu dem ein Bündnis aus Umweltverbänden, Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Künstlern aufgerufen hatte. Die Veranstalter sprechen von einem vollen Erfolg: Es war gelungen, die 120 km lange Menschenkette komplett zu schließen.
Timo Jung gehörte zu den ersten, die am Sonnabendvormittag ihre Vorbereitungen für die Anti-Atom-Protestaktion trafen. Um Punkt 9 Uhr begannen er und seine Kollegen, den Infostand des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Elmshorn aufzubauen, strategisch günstig postiert zwischen Bahnhof und Königstraße. „Wir kommen aus der Bundesgeschäftsstelle des BUND aus Berlin“, erklärte Jung. Er selbst leistet gerade sein Freiwilliges Ökologisches Jahr.
Um 10.47 Uhr traf der erste Sonderzug in Elmshorn ein. Der Bayern-Express brachte nach Polizeiangaben rund 650 Atomkraftgegner aus Süddeutschland in den Norden des Kreises Pinneberg. Um 12.52 Uhr folgte ein Sonderzug aus Berlin, auch er voll besetzt mit über 600 Menschen. Sie alle kamen, um gegen die Pläne der Bundesregierung zu protestieren, die Restlaufzeiten der Atomkraftwerke zu verlängern. Ein buntes Völkchen aus Alt und Jung entstieg den Waggons, viele mit Fähnchen bewaffnet. Der Slogan war altbekannt: „Atomkraft? Nein Danke!“. Neu erwacht hingegen schien ein Gemeinschaftsgefühl, das besagte: Wir sind mehr, als der eine oder andere gedacht haben mag.
Wer nach dem Mittagessen mit dem Auto nach Elmshorn aufbrechen wollte, musste schon gute Ortskenntnisse mitbringen. Viele Straßen in der Innenstadt wurden gegen 13 Uhr halbseitig oder ganz gesperrt. Die Polizei zeigte Präsenz, hielt sich aber spürbar im Hintergrund. Die Protestler aus Süddeutschland und Berlin machten sich einzeln oder in kleinen Gruppen auf in Richtung Infostände. Nicht nur Jung und seine BUNDler waren überrascht von der Größe des Ansturms. „Wir helfen, wo wir können“, so Jung, der in seinem Stand auch Stirnbänder, Hemden und Fahnen mit der Aufschrift „Abpfiff für Atomkraft“ verkaufte. Noch beliebter waren die gelben Stirnbänder. 150 Stück kauften allein die Bayern. So viele, dass für die später angereisten Berliner nichts übrig blieb.
Für die Zeit zwischen 14.30 Uhr und 15 Uhr planten die Veranstalter den Zusammenschluss der Menschenkette. Damit jeder seinen Platz fand, wurden alle paar Meter Ordner postiert. Zu ihnen gehörte Rainer Naske, der in der Fußgängerzone Position bezogen hatte. Die Frage, die er am häufigsten hörte: „Haste ’nen Plan?“ Hatte Naske natürlich, und so zog die Karawane weiter. Zu den Einheimischen, die sich schon frühzeitig ihren Platz sicherten, gehörte Christiane Wehrmann. „Frauen-Netzwerk Elmshorn gegen Atomkraft“ konnte man auf dem Pappschild lesen, das sie sich um den Hals gehängt hatte. „Ich stehe hier aus Überzeugung“, versicherte sie. Schließlich dürfe man „nachfolgenden Generationen keinen Atommüll hinterlassen“.
Um 14.20 Uhr mahnte ein Ordner mit Mikrofon, dass an einigen Streckenstellen noch Mangel an Menschen herrsche. Umgehend setzte eine Völkerwanderung ein, um die letzten Lücken in der Kette zu schließen. Mit dabei Zoe Kempinski aus Berlin, die bereits um 7.30 Uhr mit dem Zug aus der Hauptstadt gestartet war. Um 17.40 Uhr sollte es noch am gleichen Tag zurückgehen. Viel Aufwand für einige Minuten „Kettenschluss“. Doch aus Sicht von Kempinski notwendig: „Egal ob Elmshorner oder Berliner, hier geht es schließlich um unser aller Zukunft.“ Trotz des ernsten Themas: Die Demo glich zeitweise einer großen Party. La-Ola-Wellen schwappten die Straßen entlang, und Musiker unterhielten die Protestler.
Kreisende Hubschrauber wurden mit einem lauten „Hallo!“ begrüßt, und gegen 14.40 Uhr wurde per Megafon durchgesagt, dass es zum Zusammenschluss der Kette gekommen sei. Ein lautes Pfeifkonzert setzte ein, hörbares Zeichen für den Erfolg der Aktion.
Kurz nach 15 Uhr begann die Polizei in Elmshorn damit, die wichtigsten Kreuzungen wieder für den Fahrzeugverkehr freizugeben. Gegen 15.10 Uhr löste sich die Demonstration endgültig auf. Eine Menschenkarawane pilgerte zurück in Richtung Bahnhof, andere zog es auf den Buttermarkt, wo sich die Politprominenz zur Schlusskundgebung angesagt hatte.
Carsten Wittmaack





