Familie/Freizeit/Land und Leute
05.03.2010 -
Der Engel von Heide
1.800 Menschen versorgen die Tafeln der Heider Arbeiterwohlfahrt: Reinhold Siegel (li.) und Karsten Wessels. Foto: Dieter Brumm
Reinhold Siegel hilft den Armen
Der Kaffee dampft, Bäcker haben Brötchen und Kuchen gespendet. In der Wärmestube sitzen die ersten Bedürftigen morgens um acht, suchen Schutz vor Frost und Schnee. 20 bis 30 Menschen sind es, auch zum Mittagessen dürfen sie bleiben. Und auf dem Hinterhof drängeln sich im Laufe des Vormittags diejenigen, die ohne die Lebensmittel der Tafel nicht über die Runden kommen. Zu verdanken haben sie diese Hilfe in erster Linie einem Mann: Reinhold Siegel (73), dem „Engel von Heide“.
Vor 15 Jahren übernahm der ehemalige Sozialarbeiter des Kreises Dithmarschen den Vorsitz des Heider Ortsvereins der Arbeiterwohlfahrt (Awo), baute das ehemalige „Berber-Haus“ in der Stadt zu einem modernen Sozialzentrum aus. Die Anfänge sind in dem 1993 mit der Stadt geschlossenen Kooperationsvertrag zu finden. Die Awo hatte sich bereit erklärt, den Obdachlosen eine Unterkunft sowie eine warme Mahlzeit am Tag zu bieten.
„Heute sind es 46 Wohnungslose, die wir betreuen und die bei uns ihre Postadresse haben“, erzählt Siegel, der von einer „deutlichen Zunahme“ spricht. Dies liegt nach seiner Einschätzung daran, dass die Arbeitsgemeinschaft (Arge) härter durchgreift und Zahlungen kürzt oder ganz streicht, wenn Hartz-IV-Empfänger Auflagen nicht erfüllen. Dann verlieren die Menschen schnell ihre Wohnung, haben keine Adresse mehr. „Die Hälfte der Betroffenen sind junge Leute bis zu 25 Jahren“, berichtet Siegel. Er meint, dass viele jungen Leute nach dem Schreiben unzähliger Bewerbungen resigniert haben, sich den Anforderungen des Arbeitsmarktes nicht gewachsen fühlen. Sie durch „Hilfe zur Selbsthilfe“ auf den richtigen Pfad zu führen, darum bemüht sich der „Engel von Heide“.
Dies ist aber nur ein sozialer Bereich, um den sich Siegel und seine Mannschaft kümmern. 1.800 Menschen sind es inzwischen, die bei der „Heider Tafel“ (täglich) sowie in den Awo-Zweigstellen Lunden, Büsum und Wesselburen (zweimal wöchentlich) um Lebensmittel anstehen. Ein Drittel von ihnen sind Kinder. Deswegen wurde in Heide auch die Kindertafel eingerichtet, wo die Kleinen nicht nur eine warme Mahlzeit erhalten, sondern ihnen auch bei den Schulaufgaben geholfen wird. „Ich lebe in der ständigen Anspannung“, beschreibt Siegel die Bürde seiner Arbeit. Doch er kann nicht anders. Zu viel Elend, zu viele Schicksale.
Wie das eines Mannes, der plötzlich in seiner Bürotür steht. „Guten Tag, Herr Siegel. Kennen Sie mich noch?“ Er erkennt ihn wieder, betreute ihn doch vor vielen Jahren als Mitarbeiter des Jugendamtes. Damals war er zwölf Jahre alt, jetzt stand er im Alter von 48 Jahren wieder vor dem Sozialarbeiter. Völlig am Ende, der Alkohol sein einziger Trost: „Herr Siegel, ich brauche Ihre Hilfe.“
Und was ist aus ihm geworden? „Er konnte aufgefangen werden“, freut sich Siegel. Solche Erfolgsgeschichten und manches dankbare Lächeln sind es, die ihm Kraft geben. - „Ich kriege viel zurück“, sagt der Awo-Vorsitzende, der im April die Aufgabe in jüngere Hände geben möchte. Sofern die Mitgliederversammlung zustimmt, soll Karsten Wessels (58) zum Nachfolger gewählt werden. Der ehemalige Werftarbeiter und langjährige Gewerkschaftler wirkt bereits seit vier Jahren im Vorstand mit. Gemeinsam mit einem engagierten Team steht er vor der großen Aufgabe, die zunehmende Armut zu lindern: „Heute sind bereits Leute auf unsere Hilfe angewiesen, die einer Arbeit nachgehen. Sie stehen bei der Tafel in der Schlange, weil sie nicht genug verdienen.“
Dieter Brumm





