Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Familie/Freizeit/Land und Leute

26.02.2010 -  

Ein Bild und seine Geschichte

Bild - Ein Bild und seine Geschichte

Die Reeternter Harald Benett und Bernd Fleischmann (li.) sind bei der Arbeit – und ebenso Fotograf H. Dietrich Habbe (r.). Foto: Ulrike Baer


Auf dicken Reifen durch das Reet


Reeternte an der Trave hinter Lübeck – das Foto von Bauernblatt-Fotograf H. Dietrich Habbe zierte das Titelbild der Ausgabe Nr. 6 vom 13. Februar. Die Geschichte zu diesem Bild soll hier erzählt werden: Wie Bauer Harald Benett jeden Winter das Reet auf den Travewiesen zwischen Israelsdorf und Gothmund erntet. Wie es seine Vorfahren dort schon getan haben. Und wie Benett dafür eine eigene Erntemaschine konstruiert hat.Mit der Sense ernten kann er auch, das hat er sich angeeignet. Allerdings nur zu Vorführungszwecken, heute wird nicht mehr mit der Hand geerntet. Sense heißt hier: ein geschmiedetes Messer, 50 cm lang, an einem 1,20 m langen Stiel. So hielten es schon sein Großvater und Urgroßvater, beide Johannes mit Vornamen, Bauern in Gothmund, die die dortigen Fischer mit Milch und Fleisch versorgten und auch mal zum Fischen mit auf die Boote gingen, wenn Not am Mann war. Und umgekehrt halfen die Fischer im Winter beim Reetschneiden, bekamen Lohn pro Bund ausgezahlt, „und alle waren zufrieden“, erzählt Harald Benett (44): „Großvater vermarktete das Reet, dafür hatte er kaufmännisches Geschick.“


Damals hatten die dortigen Höfe nur 2 oder 3 ha, es gab acht in Israelsdorf und den der Benetts in Gothmund. Das Haus der Vorfahren steht noch. Gothmund ist ein malerisches Museumsdorf geworden, wenn auch ein bewohntes. Zu Großvaters Zeiten zog der landwirtschaftliche Betrieb der Benetts ins benachbarte Israelsdorf, heute ist er der einzige in beiden Dörfern. Und wie seit alters her hat die Familie die Lizenz zum Reetschneiden auf 10 ha Fläche zwischen den beiden Dörfern, die heute Teil des Naturschutzgebietes Schellbruch sind. Vater Erich Benett (81) nimmt noch regen Anteil am Geschehen, hat das Wetter im Gespür: „Es ist noch Hochwasser, warte, bis du rausfährst“, rät er dann vielleicht.


Die Reetwirtschaft ist eines der Standbeine für den 60-ha-Betrieb, der ansonsten Grünlandwiesen extensiv bewirtschaftet und Ackerbau betreibt. Doch „nur aus Geldgründen mache ich das nicht“, betont der Landwirt, „ich möchte damit auch eine Tradition bewahren“. Und dies nicht nur für die Menschen, die auf Spaziergängen auf dem Treidelstieg an der Trave die schier endlos anmutenden Reetfelder bewundern können, sondern auch für die Vogelwelt. Die ist auf dichtes Reet angewiesen, und es steht nur dicht, wenn es regelmäßig geschnitten wird. „Unter den riesigen Rhizom-Matten ist nur Sumpf und Moor“, erklärt Benett. „Wenn das Reet nicht geschnitten wird, bricht es weg, die Matten verschwinden, es entstehen Faulflächen. Dann wird alles zu Wasser. Das Reet wächst nicht mehr hinein, weil die Wasservögel die Ränder abfressen.“ Er hat gemessen: Wo länger nicht geschnitten wurde, lag der Halmwuchs bei 50 bis 80 Halmen/m2, teilweise bis zu 10 Halmen/m2 herunter, auf regelmäßig geschnittenen Flächen dagegen bei 240 Halmen/m2 – mit entsprechend höherer Sauerstoffproduktion und Filterung. „Das Umweltamt sagt heute: So wie Sie es machen, ist es richtig“, freut er sich.


Für die Reeternte hat sich Benett eine eigene Maschine konstruiert. „Der Balkenmäher, den wir zuerst hatten, war zu aufwendig, und auch ein Amphibienmodell bewährte sich nicht, weil es das geerntete Reet nicht herausfahren konnte.“, berichtet Benett. So baute er sich ein selbstfahrendes Erntefahrzeug zusammen – mit einem italienischen Mähwerk, das in Entwicklungsländern zur Kornernte eingesetzt wird und eine Bindevorrichtung für Garben besitzt – hier nun für die Reetbunde. Diese werden direkt auf dem Gefährt abgelegt. Für den Antrieb der Bindevorrichtung wurde eine Hydraulikpumpe umgebaut. Das ganze Fahrzeug läuft auf drei Niederdruckreifen mit 0,3 bar – „das ist weniger Bodendruck, als wenn ein Mensch durch die Fläche geht“. Die Räder wurden in Dänemark direkt aus Förderbändern zu Reifen vulkanisiert. Als Antrieb des Fahrzeuges dient ein 1600er VW-Käfer-Motor.


Und wie wirkt sich der viele Schnee dieses Winters aus? „Die Ernte ist sehr schwierig, die Maschine muss knapp über dem Schnee schneiden, bekommt auch Schnee hinein.“ Zudem sei viel Reet heruntergebrochen: „Eisschichten haben sich oben eingefroren, zusätzlicher Schnee drückt herunter, knickt die Halme ab, vor allem dort, wo das Reet nicht dicht steht. Auf solchen Flächen wird es in den kommenden Jahren wenig Aufwuchs geben.“ Wo es dicht steht, sei jedoch die Qualität sehr gut: „Es ist gerade gewachsen und hat durch den Frost eine schöne Härte.“


Das Reet vermarktet Benett an einige Dackdeckerfirmen – „aus der Region für die Region“ –, aber auch an Direktabnehmer. Wer also das gute diesjährige Reet möchte, etwa für sein Vogelhäuschen, kann anrufen unter Tel.: 04 51-7 07 01 77.


Tonio Keller


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