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26.02.2010 -
Bilder von Rosemarie Koczy im Jüdischen Museum Rendsburg
Foto 1: Museumsleiter Dr. Christian Walda vor einer Leihgabe des „Museums im Lagerhaus“ in St. Gallen.
Foto 2: Die große Holzstele zeigt verstörende Gestalten – zusammengepfercht wie in den Transportzügen.
Foto 3: Louis Pelosi im Gespräch mit seiner Schülerin Siri Gjesdal in Rendsburg.
Fotos: Tonio Keller
Ein buntes Leichentuch, das Grauen zu begraben
Rosemarie Koczy hat unter Toten und Sterbenden gelebt, als Kind. Die wie Skelette ausgemergelten Gestalten mit ihren langen, dürren Gliedern waren ihre täglichen Begleiter. Als Erwachsene wollte sie sie „begraben“, und zwar in Würde im Leichentuch, wie es die jüdische Tradition vorsieht. „Ich webe euch ein Leichentuch“ heißen nach ihrer Verfügung alle ihre Bilder. 46 davon hat ihr Ehemann Louis Pelosi dem Jüdischen Museum in Rendsburg gestiftet. Eine Auswahl davon ist, nebst einigen Leihgaben, jetzt dort zu sehen.
Rosemarie Koczy, geboren in Recklinghausen, kam 1943 als dreijähriges Mädchen ins Konzentrationslager. Nach der Befreiung lebte sie bis 1951 in Flüchtlingslagern der Alliierten. Sie hat also ihre ganze bewusste Kindheit in Lagern verbracht.
Sie lernte das Weberhandwerk, studierte an der Genfer École des Arts Décoratifs, und dann malte, zeichnete, schnitzte sie – über 12.000 Federzeichnungen, dazu viele Gemälde und Holzarbeiten. Im „Museum im Lagerhaus in St. Gallen“ hat Dr. Christian Walda, Leiter des Jüdischen Museums in Rendsburg, die Werke gesehen und Kontakt mit dem Witwer von Rosemarie Koczy, Louis Pelosi, in den USA aufgenommen. Der stiftete kurzerhand eine stattliche Anzahl Bilder seiner 2007 verstorbenen Frau an das Rendsburger Museum: acht große Acrylgemälde, 37 Federzeichnungen und ein Holzrelief. Sie zeigen alle in wenigen Variationen das Gleiche. „Es ist der Gehalt der Bilder, auf den es ihr ankam, nicht die künstlerische Form“, sagt Christian Walda, „sie sah es als einen Auftrag, und gewiss hat sie damit auch ihre Vergangenheit verarbeitet.“
Verarbeitung durch die Darstellung des Grauens – aber auch durch Umsetzung in bunten Farben. Das fällt auf bei den großen Acrylgemälden. Soll dadurch ein Schimmer Hoffnung auf das Thema fallen? Christian Walda sieht es anders: „Für uns ist die NS-Zeit immer in Schwarz-Weiß, aber sie hat sie ja selbst in Farbe gesehen.“ Die Wirkung sei dadurch sogar noch stärker: „Die Farbe zieht uns rein in das Bild, Schwarz-Weiß würde uns abkoppeln, Distanz schaffen.“ In den niedrigen Räumen wirken die Gemälde zudem wie Wandteppiche, und „so soll es sein“, findet Walda. Schließlich war Koczy Weberin, schließlich wollte sie mit ihrem Werk Leichentücher weben. In einem solchen wird nach jüdischer Tradition der Verstorbene beerdigt. Oft ist es der Gebetsschal, den er bei seiner Bar Mizwa oder Bath Mizwa bekommen hatte – der Feier der Religionsmündigkeit für die Jungen beziehungsweise Mädchen mit 13 Jahren. Wenn der Messias kommt, soll er darin gekleidet und mit den Füßen Richtung Jerusalem auferstehen können. „Es sind Bestattungen, die ich denen zukommen lasse, die ich in den Lagern sterben sah“, verfügte Koczy, und dies muss bei jeder ihrer Ausstellungen geschrieben stehen.
Nach Beendigung der Sonderausstellung werden einige der Werke in der ständigen Ausstellung des Jüdischen Museums präsentiert werden, kündigt der Museumsleiter an. Auf jeden Fall die große Holzstele, die auf engstem Raum verstörte und verstörende Gesichter zeigt – „zusammengepfercht wie in den Transportzügen“ (Walda).
Die Sonderausstellung ist bis zum 2. Mai 2010 zu sehen.
Tonio Keller





