Familie/Freizeit/Land und Leute
15.01.2010 -
Dr. Rotraut Wurst bietet Zeit und Aufmerksamkeit an
Im Gespräch zuhören und neue Impulse geben. Foto: privat/hfr
Die Gesellschafterin
Dr. Rotraut Wurst aus Altenholz bei Kiel hat den alten Beruf der Gesellschafterin für sich neu entdeckt. Seit drei Jahren bietet sie ihren Kunden ein wichtiges Gut an: Zeit und Aufmerksamkeit. Nicht nur Senioren wissen den Service der 46-Jährigen zu schätzen. Auch junge Menschen lassen sich zunehmend von tiefer gehenden Gesprächen über „Gott und die Welt“ inspirieren.„Ich biete Menschen meine Gesellschaft, meine Erfahrung und mein Wissen an und unterstütze sie individuell“, sagt die promovierte Diplom-Theologin.Ob jemand über sein Lieblingsbuch diskutieren möchte, zum Musizieren einen Partner sucht, Reiseberichten lauschen will oder einen Ausflug plant – Rotraut Wurst ist zur Stelle. Daneben bietet sie die Begleitung bei Arztbesuchen, Behördengängen oder Konzertbesuchen an. Auch außergewöhnliche (seriöse) Wünsche schrecken sie nicht. „Eine Dame rief an und wollte mit mir Hühnergötter suchen. Da musste ich mich erst einmal informieren, was Hühnergötter eigentlich sind“, schmunzelt Wurst. Sie fand heraus: Es sind als magisch empfundene Steine mit einem Loch, die früher in die Ställe gehängt wurden, damit die Hühner mehr Eier legten. Rotraut Wurst machte sich mit der Frau auf, Hühnergötter zu suchen und zu finden. „Kilometer um Kilometer liefen wir am Strand entlang und schnitten nebenbei die unterschiedlichsten Gesprächsthemen an. Es war ein interessanter und heiterer Nachmittag“, blickt die Gesellschafterin zurück. Wellness für die SeeleGewissenhaft bereitet sie sich jedes Mal inhaltlich auf die Treffen mit den Klienten, wie sie ihre Kunden nennt, vor. Und dem Vorurteil, dass eine Gesellschafterin nur für einsame, alte Menschen da ist, widerspricht sie auf das Energischste. „Meine Klienten haben meist alle einen Freundeskreis, eine Familie, Enkelkinder oder stehen voll im Beruf. Darum geht es nicht. Sie wollen neue Eindrücke und Impulse gewinnen, um zu Hause wieder spannende Gespräche über ungewohnte Themen führen zu können. Dafür gönnen sie sich eine Gesellschafterin, sozusagen als Wellness für Seele und Geist.“Sogar ein 15-jähriger Teeny fragte an, wie alt man denn sein müsse, um ihre Dienste in Anspruch zu nehmen. „Er wollte etwas über Philosophie lernen, weil er meinte, dieses Thema käme in der Schule zu kurz.“ Auch eine junge Mutter, 20 Jahre alt, wandte sich an die Gesellschafterin. „Sie war es leid, auf dem Spielplatz nur über die neuesten Windeln zu diskutieren, und fragte sich, wie ihr Leben als alleinerziehende Mutter weitergehen würde.“ In behutsamen Gesprächen machte Wurst der jungen Frau Mut, ihren Traum von einem naturwissenschaftlichen Studium in die Tat umzusetzen. Besondere Freude bereiten der Theologin die Stunden mit einer 91-jährigen früheren Bibliothekarin. Die beiden Frauen tauschen sich regelmäßig lebhaft über Buddhismus und Christentum aus, lesen gemeinsam Fachpublikationen und interpretieren sie.Ein anderer Auftrag führte die rührige Gesellschafterin kürzlich auf einen runden Damen-Geburtstag. „Das Geburtstagskind hatte mich eingeladen, damit ich den Gästen von meinen spannenden Reisen nach Tibet erzähle“, so Dr. Wurst, die für wissenschaftliche Studien selbst einige Monate in einem Kloster mit tibetanischen Nonnen zusammenlebte.„Viel Vertrauen und Einfühlungsvermögen sind in meinem Beruf wichtig. Ich muss gut zuhören können und mich immer wieder neu auf die unterschiedlichsten Menschen und ihre Bedürfnisse einstellen“, erzählt Rotraut Wurst. Gerade das sei es, was sie an ihrem Beruf so liebe. Dabei sei es ihr ein großes Anliegen, Bildung weiterzugeben, die Klienten zu motivieren, lebenslang zu lernen, neugierig zu bleiben, ausgetretene Pfade auch einmal zu verlassen. Gute Gespräche statt OberflächlichkeitHeutzutage nähmen sich die Menschen leider immer weniger Zeit für ein gutes Gespräch. Vielfach blieben soziale Kontakte nur an der Oberfläche. Doch davon werde die Seele auf Dauer nicht satt. Rotraut Wurst setzt auf Gespräche und Beschäftigungen mit Tiefgang, ihre Klienten wissen das zu schätzen – und lassen es sich etwas kosten. Für eine Stunde berechnet die Gesellschafterin 25 Euro plus Fahrtkosten. Auch wenn eine private Gruppe sie bucht, kostet es nicht mehr. Neben ihrer Tätigkeit bietet sie Reisevorträge und Seminare „für Alt und Jung“ an. Gehirnjogging steht genauso auf dem Stundenplan wie Unterricht in Englisch oder Latein. „Wenn man geistig rege bleibt und soziale Kontakte pflegt, macht das Leben bis ins hohe Alter hinein viel Spaß“, ist die sympathische Altenholzerin überzeugt. Silke Bromm-Krieger
Weitere Infos im Internet unter der Adresse: www.drwurst.de





