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15.01.2010 -
Serie: Alte Postkarten aus Angeln – 5. Folge: Die Möbelfabrik in Wagersrott
Foto 1: Diese Postkarte von 1906 zeigt die ganze Pracht des „Großen Hauses“ der Möbelfabrik Carstens, in dem ein Magazin und auch ein Kolonialwarenladen untergebracht waren. Sammlung Berndt Lassen, IG Baupflege AngelnFoto 2: Dorfchronistin Gretchen Bartel und der Geschäftsführer der Wohnstätte „Wendepunkt“, Heinz-Joachim Bunnies, vor dem „Großen Haus“, dessen Aussehen sich völlig verändert hat. Foto: Ursel Köhler
Einst Magazin für Tische und Stühle – heute Wohnstatt für Suchtkranke
Im März 1896 bestellte ein gewisser Herr Petersen aus Faulück einen Schreibtisch aus Nussbaumholz, bezahlte dafür 150 Mark. Ganz offensichtlich fiel das handgemachte Mobiliar zur Zufriedenheit des Kunden aus, denn im November des gleichen Jahres gab er eine „beste Stube“ in Auftrag: Vertiko, Plüschsofa, Tisch, sechs Stühle und zwei Sessel. Auch diese Arbeit erledigte die Möbelfabrik von Johannes Carstens in Wagersrott zur Zufriedenheit des Kunden, stellte 902 Mark in Rechnung.Vor über hundert Jahren war es üblich, dass sich angehende Eheleute in Wagersrott ihre Möbel fürs traute Heim anfertigen ließen. Wenn es die Fabrik auch nicht mehr gibt – sie wurde am 4. April 1928 durch ein Feuer (vermutlich Brandstiftung) vernichtet, so erinnert doch das von den Flammen verschont gebliebene „Große Haus“ – 1898 errichtet – an die große Möbelfabrik-Zeit in Wagersrott.Heute also Wohnstätte für Suchtkranke – 1898 ein Wohnblock für die Angestellten der damals rückwärtig gelegenen Möbelfabrik, ein Magazin und ein Kolonialwarenladen. Dorfchronistin Gretchen Bartel, die von ihrem „Holländerhof“ wenige hundert Meter gegenüber das „Große Haus“ im Blick hat, beschreibt in der aus ihrer Feder stammenden und 1993 erschienenen Dorfchronik die wechselvolle Geschichte der einstigen Möbelfabrik und des „Großen Hauses“, das mit seinen Giebeln im dritten Geschoss ein wahrlich stattliches Gebäude war. 1919 verkaufte Möbelfabrik-Besitzer Johannes Carstens seinen Betrieb für 125.000 Mark – sie wurde umbenannt in „Möbelfabrik Johs. Carstens Inh. Pfitzner & Co“. Vier Jahre später zwang die Inflation zu einem erneutem Verkauf. Ein Hamburger Geschäftsmann legte 250.000 Mark auf den Tisch, modernisierte den Betrieb und beschäftigte 50 Arbeiter. Nach dem Feuer 1928 war es vorbei mit der Möbelfabrik, sie wurde nicht wieder aufgebaut. Nur der Wohnblock blieb erhalten und wurde sehr unterschiedlich genutzt. Während des Zweiten Weltkrieges gab es in ihm eine „Volksküche“. Hier wurden Erbsen und Bohnen in Dosen eingemacht, Kartoffelmehl hergestellt und Sirup gekocht. Als 1945 der Flüchtlingsstrom einsetzte, fanden 13 Familien im „Großen Haus“ Unterkunft. Nach und nach zogen sie aus. In den 1960er Jahren kaufte ein Kieler das Gelände und den Wohnblock. Er wollte ihn umgestalten und riss den ganzen Dachstuhl ab. Dadurch veränderte sich das Aussehen des einstmals stolzen Gebäudes gründlich. Gretchen Bartel: „Als dann auch noch andere Fenster eingesetzt wurden, sah alles nur viel schlimmer aus als vorher.“ Die weiteren Stationen: 1987 kaufte Lothar Poppe das Anwesen und richtete ein Seniorenwohnstift für 20 Personen ein – 1991 wurde es verkauft und als „Alten- und Pflegeheim Wagersrott“ geführt. Zehn Jahre später, so die Chronistin, wurden die Bewohner völlig überraschend nach Schleswig umquartiert – das „Große Haus“ stand bis zum 1. September 2004 leer. An diesem Tag eröffnete dort die Gesellschaft für soziale Hilfen ihre Wohnstätte „Wendepunkt“. Zuvor, so der 65-jährige Geschäftsführer Heinz-Joachim Bunnies, war das Haus ein Jahr lang von Grund auf renoviert und saniert worden, wurde den Bedürfnissen einer Wohnstätte für suchtkranke Menschen entsprechend hergerichtet. Von den 24 Plätzen ist gut die Hälfte belegt. Der Diplom-Sozialpädagoge und leitende Therapeut hat das „Große Haus“ von einem Apotheker aus Schleswig gemietet. In dieser Einrichtung trainieren er und sieben Mitarbeiter mit den Bewohnern, die Probleme mit Alkohol, Drogen oder Tabletten haben, die Wiedereingliederung in einen ganz normalen Alltag, führen sie heraus aus innerlicher und äußerlicher Verwahrlosung. Bunnies: „Wir praktizieren Lebenstraining.“ Das beinhaltet das regelmäßige Aufstehen, Zähneputzen und Frühstücken und andere ganz normale Verrichtungen, die die Suchtkranken „verlernt“ haben. „Unser Ziel ist 0,00“, sagt der Geschäftsführer und meint damit die totale Abstinenz. Ob Arbeiten im Garten, in der Küche, in der Hauswirtschaft – die Bewohner im Alter zwischen 22 und 62 Jahren entdecken nach und nach ein normales Leben. Das „Große Haus“ ist für sie eine „Heimat auf Zeit“. Die Arbeit der „Wendepunkt“-Mitarbeiter ist von „sanfter Konsequenz“ und menschlicher Zuwendung geprägt.Ursel Köhler





