Familie/Freizeit/Land und Leute
05.06.2009 -
Serie „Leben im Denkmal“ – 7. Folge: die „Rikate“
Als gebürtige Kappelnerin ist es Jördis Könnecke-Sehgal eine Herzensangelegenheit, die „Rikate“ in Ellenberg zu erhalten.
Foto: Ursel Köhler
Eine „kuschelige“ Kate nahe der Schlei
Einst war die „Rikate“ im Kappelner Stadtteil Ellenberg ein Landarbeiterhaus, danach Atelier und Kunstcafe. Und heute? Da dient das altehrwürdige Reetdachhaus als Feriendomizil.
„Schon als Kind war ich in die Rikate verliebt. Es als ein Stück Kappelner Geschichte zu erhalten und zu bewahren, ist mir und meinem Mann wichtig“, sagt die 30-jährige Jördis Könnecke, seit 2001 mit dem sieben Jahre älteren in Indien geborenen Sumeet Sehgal verheiratet. In diesem vor rund 250 Jahre erbauten Fachwerkhaus mit Reetdach zu wohnen, ist für das Ehepaar allerdings ein Unding. Denn zu ihrer Familie gehören drei Kinder im Alter von fünf und drei Jahren sowie acht Monaten. So „kuschelig“ die Rikate auch sein mag, ist sie doch mit ihren 62 Quadratmetern zu klein, als dass die Familie in diesem unter Denkmalschutz stehenden Gebäude unweit des Ellenberger Ufers der Schlei wohnen könnte.
So lebt das Ehepaar Könnecke-Sehgal, das seit 2005 mit „Designer Tours“ als Reiseveranstalter weltweit tätig ist, zusammen mit seinen Kindern im alten und viel geräumigeren Forsthaus an der Wassermühlenstraße. Die Reetdachkate – ideal für zwei Personen – wird als „charmantes Ferienhaus mit viel Flair“ an Urlauber vermietet, seit zwei Jahren mit Erfolg. „320 Belegungstage im Jahr sprechen für sich“, so Jördis Könnecke-Sehgal zufrieden.
Was die Historie betrifft, hat die junge Frau viel zu erzählen. Früher, sagt sie, war Ellenberg hügelig. Mitte der 1950-er Jahre wurde hier für ein Bundeswehr-Gelände planiert, viele alte Häuser abgerissen. Das empörte die weit über Kappelns Grenzen hinaus bekannte Pädagogin und Künstlerin Gerda Schmidt-Panknin. Sie beschwerte sich beim damaligen Landrat. Mit Erfolg. Denn nun wurde die Denkmalpflege eingeschaltet, die ihrerseits die „Kate Boisen“, die damals zum Gut Loitmark gehörte, unter Schutz stellte. Nicht zuletzt deshalb, weil sie aus ungebrannten Ziegeln erbaut worden war. Die in der Kate lebende Landarbeiter-Familie Boisen erhielt als Entschädigung ein hinter diesem Haus liegendes Grundstück, auf dem sie sich eine neue Heimstatt baute. Besagte Familie lebte seit Mitte der 1930-er Jahre in der Kate, in der zwei Söhne geboren wurden.
Wie Jördis Könnecke-Sehgal weiter berichtet, befand sich die Kate 1955 in einem sehr schlechten Zustand, der Herzog als Besitzer wollte sie abstoßen, verlangte 1.000 Mark. Käuferin war Gerda Schmidt-Panknin, die das Anwesen für 500 Mark erstand. Diese Summe entsprach dem Wert des Grundstücks – denn es war klar, dass die Instandsetzung und der Erhalt viel Geld verschlingen würde. Nur mit Unterstützung des ehemaligen Katen-Bewohners Heinrich Boisen, der sich des Gebäudes annahm, konnte die neue Besitzerin das Haus erhalten.
Da wurden Balken gestrichen, der Schornstein erneuert, ein Anbau im Fachwerk-Stil hinzugefügt. Jördis Könnecke-Sehgal: „Die Künstlerin hat in den Erhalt der Kate, die sie von 1957 bis 1985 als Atelier nutzte, 22 Bausparverträge investiert.“ Als der hilfreiche Nachbar 1982 verstarb, entschloss sich Gerda Schmidt-Panknin 1985, das Gebäude zu verkaufen. Tiefbauunternehmer Heinrich Johannsen erwarb es und sanierte es drei Jahre lang von Grund auf: Die gesamte Westseite des Hauses wurde abgetragen, die Balken durch neuere aus einer anderen Kate ersetzt, die Fächer mit neuen gebrannten Lehmziegeln versehen.
Die Ostseite hingegen hat nach wie vor jene alten Balken und Ziegel, wie sie vor 250 Jahren eingebaut wurden. Auf dieser Seite wurden die Wände entkalkt und gereinigt, zwecks Konservierung mit Buttermilch gestrichen. 1991 erhielt das Dach des Häuschens eine neue Lage Reet – die untere Schicht ist bis heute aus Roggenstroh.
Bereits drei Jahre zuvor hatte sich Erika Jaep in die Kate verliebt und eröffnete in ihr im Einvernehmen mit dem Besitzer ein Kunst-Café. Und weil sie „Rike“ gerufen wurde, wurde aus der Kate die „Rikate“. Erika Jaep hat täglich unzählige Torten und Kuchen in der Katen-Küche gebacken. Nach ihrem Fortgang aus Kappeln führte Karin Itzke das Café weiter – mit selbstgebackenem Kuchen und wechselnden Kunstausstellungen.
2006 kündigte sie aus gesundheitlichen Gründen den Pachtvertrag, und Besitzer Heinrich Johannsen entschloss sich aus Altersgründen zum Verkauf. Jördis Könnecke-Sehgal und ihr Mann griffen zu, legten ein Vielfaches dessen, was Mitte der 1950-er Jahre Gerda Schmidt-Panknin gezahlt hatte, auf den Tisch, wandelten die Kate nach einigen Renovierungen wie Komplett-Anstrich und Aufarbeitung des Dielenbodens in ein liebevoll gestaltetes Ferienhaus um, das der Deutsche Tourismusverband (DTV) mit vier Sternen klassifiziert hat.
Die Nachfrage vor allem bei „Best Agern“ und anspruchsvollen Genießern ist groß. Allerdings gab es vor Weihnachten vergangenen Jahres einen kurzfristigen Belegungs-Stopp: Die alte Küche hatte nach 20 Jahren und Hunderten von Torten ausgedient, musste ersetzt werden. „Die Entscheidung, die Rikate zu kaufen und als Ferienhaus anzubieten, haben wir nicht bereut“, sagt Jördis Könnecke-Sehgal. Schließlich sind die Rückmeldungen der Feriengäste, die das besondere Ambiente zu schätzen wissen, durchweg positiv.
Ursel Köhler





