Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Kommentar

27.01.2012 -  

Krasse Widersprüche

Liebe Leser, seit Jahrzehnten wird die Grüne Woche, die diesen Sonntag  ihre Pforten schließt, wegen ihres unermesslichen Angebots an Köstlichkeiten und Spezialitäten aus aller Herren Länder weithin geschätzt. Weniger fällt dem geneigten Besucher in dem ganzen Trubel auf, dass es mehr oder weniger am Rande um das harte Thema Welternährung geht – mittlerweile traditionell am ersten Messesonnabend. Nur einen Steinwurf von den „Fleischtöpfen“ entfernt, genauer im Internationalen Congresscentrum (ICC), treffen sich zum einen Agrarminister und zum anderen Vertreter der Wirtschaft zu zwei internationalen Gipfeln, auf denen sich alles  nur um die eine Frage dreht: Wie kann man dem Hunger, der Mangelernährung und der bitteren Armut in großen Teilen dieses Planeten Herr werden?

Ilse Aigner hatte beherzt vor drei Jahren erstmals zum Berliner Agrarministergipfel eingeladen. Immerhin kamen Vertreter aus 31 Nationen. Diesmal, zum vierten Treffen, waren es mehr als doppelt so viele. Das zeigt: Die globalen Probleme der Hungerbekämpfung, ihre vielschichtigen Ursachen und Auswirkungen sind keinesfalls geringer geworden. Der Druck, sie zu lösen, steigt massiv mit der rapide wachsenden Weltbevölkerungszahl. Politikertreffen solcher Art können Zeichen setzen, Strategien schmieden, Vorbehalte abbauen und monetäre Unterstützung auf den Weg bringen. Damit ist schon viel gewonnen. Wenn es dann noch zu Verbünden mit international agierenden Unternehmen kommt, die  nicht nur staatliches, sondern auch eigenes Geld in die Hand  nehmen und vor Ort in Afrika, Asien oder Südamerika den Menschen Hilfe zur Selbsthilfe  geben, dann kann zumindest auf begrenztem geografischen Raum die größte Not gelindert werden; ein Beispiel lesen Sie auf Seite 7.

Fast eine Milliarde Menschen hungern oder sind unterernährt. Ebenso viele „leiden“ an Fettleibigkeit. Ein krasser Widerspruch. Und  nicht der einzige in diesem Zusammenhang. Just in der vorigen Woche haben  Straßburger Europapolitiker in ungewohnter Eintracht in einer Entschließung gefordert, die maßlose Verschwendung von Lebensmitteln auf unserer Insel der Glückseligen, gemeint ist Europa, energisch zu bekämpfen. Knapp 90 Mio. t Nahrung, für die manche Afrikaner ihr Letztes geben würden, landen  EU-weit jährlich im Müll, die Hälfte davon sogar noch verpackt. Tendenz steigend. Makaber, noch milde gesagt. Einmal ernsthaft darüber nachdenken und dann die richtigen Schlüsse für sich und seine Familie ziehen, das sollte jeder Wohlstandsbürger durchaus.

Die europäische Landwirtschaft hat eine große Mitverantwortung für die Sicherung der Welternährung. Auch das wurde  unterm Berliner Funkturm immer wieder betont. Da mutet es schon eigentümlich an, wenn jetzt die Hochleistungsregionen der Agrarproduktion damit konfrontiert werden, Flächen aus der Bewirtschaftung zu nehmen.  Wenn man dazu den „Erfinder des Greenings“ mit seinen ökologischen Vorrangflächen befragt – wie im Interview auf den Seiten 8/9 geschehen –, verstrickt sich der EU-Agrarkommissar schnell in Widersprüche. Erst sagt Dacian Ciolos, dass es auf keinen Fall um eine Flächenstilllegung geht, dann räumt er ein, wer die magischen 7 % nicht erreiche, müsse eben doch Flächen stilllegen. Ein Treppenwitz im Reformvorschlag zur Gemeinsamen Agrarpolitik!

Bis über die Reform entschieden ist, wird noch viel Wasser die Elbe hinab   fließen. Bei allen Bemühungen sollten alle am Entscheidungsprozess Beteiligten immer daran denken: Wir Europäer sind satt, eine Milliarde anderer Menschen (noch) nicht. Ralph Judisch
transparent  


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