Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Kommentar

25.08.2010 -  

Weizen macht Sie reich...

… wirbt ein Geldanlage-Verlag im Internet. Hoppla. Wen soll der Weizen reich machen? Sind die Landwirte gemeint oder die Spekulanten? Fangen wir mit den Bauern an. Im zurückliegenden halben Jahr verteuerte sich der Weizen an den internationalen Märkten so stark wie kein anderer Rohstoff.  Allein im Juli verzeichneten die Börsen geradezu eine  Preisexplosion von 40, 50 % – der steilste und schnellste Anstieg seit 50 Jahren. Zeitweilig kostete die Tonne mehr als 220 €. 
Wie viel davon tatsächlich bei den Landwirten ankommt, muss sich zeigen. Für die Ackerbauern ist diese Entwicklung jedenfalls erfreulich. Solche Getreidepreise hat es lange nicht gegeben. Gedämpfter sehen viele Veredlungsbetriebe das Geschehen. Die Preise für Getreide treiben auch die für das Mischfutter hoch. Mehreinnahmen aus dem Getreideverkauf werden gesamtbetrieblich teilweise wieder aufgefressen, weil zum Beispiel die Schweinepreise nicht analog anziehen. Hinzu kommt, dass die unbeständige Witterung die ohnehin etwas geringere Ernte immer wieder verzögert. Hinsichtlich der Qualitäten werden die Sorgenfalten tiefer, ein nicht unbeträchtlicher Teil des Brotgetreides wird wohl im Futtertrog landen müssen. Reich durch Weizen? Das wird eher nix. Auskömmlich? Schon treffender.
Bleiben die Spekulanten. Der Begriff ist negativ besetzt. Spekulanten gelten gemeinhin als die Bösen des Marktes. Der Erste mit dieser „Berufsbezeichnung“ war übrigens der biblische Joseph aus dem ersten Buch Mose, der Ägypten durch sieben fette und sieben magere Jahre steuerte. Diese hatte Joseph dem König Pharao anhand von dessen Träumen geweissagt. Beide hatten zwar weder Anteil an Dürre noch an einer „Bombenernte“, doch sie glaubten an die Prognose, managten Überfluss und Mangel geschickt, verdienten sich eine goldene Nase.
Das funktioniert im Grunde bis heute so. Die Spekulanten gelten als Seismografen des Marktes. Sie setzen darauf, einen finanziellen Vorteil dadurch zu erzielen, dass sie eine bestimmte Marktentwicklung frühzeitig erkennen und richtig – sprich besser als die  Konkurrenz – deuten. Damit kann man zweifellos reich werden. Aber man hat auch volles Risiko. Beispiel: Im Herbst 2007 brachen die Weizenpreise unverhofft um 20 % ein. Mancher hatte sich da verspekuliert.  
In diesen Wochen geistert das Gespenst „Preistreiberei“ wieder durch Börsen und Medien. Genährt wird das Interesse der Spekulanten an satten Gewinnen durch eine geringere Weltweizenernte, den Exportstopp Russlands und die wachsende Weltbevölkerung. Und die Weltbank warnt bereits vor einer Nahrungsmittelkrise, obwohl die Getreidelager so gut gefüllt sind wie zuletzt vor 30 Jahren. Eine Hungersnot droht nicht. Die Lage ist anders als 2007/08, wo eine weltweite Verknappung und damit deutliche Verteuerung von Nahrungsmitteln befürchtet werden musste.
Dennoch wurden jetzt erneut die Preise angeheizt. Ob vor allem die Spekulanten Schuld sind, daran scheiden sich die Geister. BayWa-Vorstandschef Klaus Josef Lutz etwa ist überzeugt, dass die Preisentwicklung zu 70 % den Spekulanten geschuldet sei, zitiert die Lausitzer Rundschau. Anders sieht das  Nestlé-Verwaltungschef Peter Brabeck-Letmathe. Er meint,  der Einfluss von Spekulanten auf die Preise von Agrarrohstoffen werde total überschätzt, politische Entscheidungen seien hierbei viel bedeutender. Ähnlicher Meinung ist auch Eugen Weinberg: Spekulanten seien nicht der Auslöser des derzeitigen Anstiegs der Rohstoffpreise. Aber sie könnten die Marktbewegungen beschleunigen, so der  Agraranalyst der Commerzbank. Aktuell problematisch ist allerdings, dass die Preise das tatsächliche Bild von Angebot und Nachfrage in keiner Weise realistisch widerspiegeln. 
Wie dem auch sei. Spekulanten haben eine Funktion an den Märkten  und werden diese auch in Zukunft beeinflussen. Mit teils heftigen preislichen Auf- und Abwärtsbewegungen müssen die Landwirte leben lernen.  Planungssicherheit am Markt ist passé. Das erfordert ein kenntnisreiches Risikomanagement auf dem eigenen Betrieb. Nur einige Stichworte: Risikostreuung, Handel an Terminbörsen, Bonusverträge, Liquiditätsmanagement, Anpassungsklauseln in Pachtverträgen, Ausfallversicherungen. Schwere Kost. Aber damit muss sich jeder um seiner unternehmerischen Zukunft willen intensiv befassen. Das ist eine der größten Herausforderungen. 
Ralph Judisch
 


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