Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Kommentar

20.08.2010 -  

Energien erneuern!

„Heute müsst ihr geduldig mit mir sein“, begrüßte uns ein Kollege eines Montagmorgens – und strahlte dabei übers ganze Gesicht. Der Grund: Er hatte am Abend zuvor ein Boogie-Woogie-Konzert besucht, und natürlich war es spät geworden. Aber seine Warnung erwies sich als grundlos: Die Arbeit schien ihm leicht von der Hand zu gehen, und vor allem war er gut gelaunt. Er hatte offensichtlich Energie getankt. Auf diese Weise bekommt der Begriff „Erneuerbare Energien“ noch einmal eine ganz andere Bedeutung.

Dass Batterien  immer wieder aufgeladen werden müssen, ist eigentlich eine Binsenweisheit. Trotzdem bemerke ich das gelegentlich zu spät – etwa wenn ich plötzlich zu einem unvorhergesehenen Termin gerufen werde. Dann greife ich  nach der Kamera und muss feststellen: Batterie leer! Verflixt, hätte ich sie bloß früher aufgeladen!  Jetzt reicht die Zeit dafür nicht mehr, und die hektische Suche nach einer Ersatzbatterie geht los. Ähnliches gilt natürlich für den eigenen inneren Haushalt: Wer seine Energien nicht immer wieder erneuert, läuft Gefahr, irgendwann „alle“ zu sein, ausgebrannt zu sein. Und mit dem sogenannten  Burnout-Syndrom ist ganz und gar nicht zu spaßen. Wie bei besagter Fotobatterie muss das Aufladen rechtzeitig geschehen, denn das ist ja gerade die Falle: zu denken, dass man sich dies nicht leisten könne, so lange, bis es gar nicht mehr geht.

Ja, ich weiß, was manch einer entgegnen wird: Gerade jetzt, jetzt ist doch Erntezeit, das geht nun gar nicht! – Gut, mag sein, nicht heute und nicht morgen, aber vielleicht doch einmal zwischendurch? Es bleibt zu bedenken: Gerade jetzt nimmt doch fast alle Welt Urlaub – den sich viele Landwirtsfamilien gar nicht oder nur selten gönnen. Da wird eine kleine Unterbrechung doch nur recht und billig sein!

Möglichkeiten, die Energie zu erneuern, gibt es viele, und sie hängen ganz vom jeweiligen Geschmack ab.  Für meinen  Kollegen war das Boogie-Woogie-Konzert in dem Fall genau das Richtige, für einen anderen  stellt klassische Musik das höchste der Gefühle dar,  ein Dritter entspannt sich am besten beim Skatabend mit Freunden,  wieder ein anderer wollte schon lange mal wieder ein Formel-1-Rennen angucken. Und  auch eine Wanderung, eine Radtour, ein Bootsausflug durch unser schönes Schleswig-Holstein kann Leib und Seele stärken und den Kopf wieder frei machen. Das nämlich ist der springende Punkt, denn Überlastung spielt sich heutzutage selten auf der rein körperlichen Ebene ab – nicht einmal  dann, wenn es sich um vorwiegend körperliche Arbeit handelt wie in der Landwirtschaft. Deswegen ist der psychische Tapetenwechsel so wichtig: der Sprung in  das ganz andere, das tun, was man schon lange nicht mehr gemacht hat, was einen inspiriert und auf andere Gedanken bringt.

Dafür heißt es: raus aus dem Gewohnten, denn  den Gedanken verhilft man nicht gut in  der altvertrauten Umgebung auf die Sprünge – und schon gar nicht vor dem heimischen Fernsehapparat. Wer erschöpft ist, braucht Nahrung, und das gilt auch für den Geist. Und er braucht keinen abgestandenen Brei, wie er aus den TV-Kanälen sickert, sondern gutes Futter, wenn er sich stärken soll. Das Angebot ist reichhaltig. Das Bauernblatt zeigt, insbesondere in der Rubrik Land und Leute und im Veranstaltungskalender, die Vielfalt der kulturellen Aktivitäten in Schleswig-Holstein, auch wenn dies nur ein kleiner Ausschnitt aus einem großen Spektrum sein kann.

Noch ist dieses Angebot vielfältig, doch leider wird aufgrund der Sparzwänge  den Kultureinrichtungen und Vereinen immer mehr der Hahn abgedreht. Die drohende Schließung von Schloss Salzau als Kulturzentrum mag hierfür nur als ein besonders prominentes Beispiel dienen. Kultur – und zwar auf allen Ebenen vom Profi-Pianisten bis zum Dorfchor, von der Künstlerschule bis zum Malkurs – ist nicht ein entbehrlicher Luxus als Sahnehäubchen auf der „eigentlichen“  Suppe der Wirtschaft. Kultur  ist vielmehr ein wesentlicher Teil unserer „Erneuerbaren Energien“.
Tonio Keller
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