Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Kommentar

13.08.2010 -  

Absatzkiller Sicherheit?


Ein Viertel ihres Umsatzes hat die deutsche Landtechnikindustrie im vergangenen Jahr eingebüßt. Das ist heftig. Gemessen an den Zahlen der durch die Finanz- und Wirtschaftskrise gebeutelten Gesamtwirtschaft scheinen die Hersteller von Traktoren, Maschinen und Geräten aber noch mit einem blauen Auge davongekommen zu sein. Zumal sich der Vergleich sofort relativiert, da das Geschäftsjahr zuvor – also 2008 – mit einem Umsatz von rund 7,5 Mrd. € als Boomjahr in die Geschichte einging.


Jetzt marschiert die Branche aus der Talsohle heraus. Die vom Fachverband Landtechnik (VDMA) aktuell vorgestellten Zahlen besagen: Die Auftragseingänge liegen wieder über Vorjahresniveau. Tendenz steigend. Vor allem die Nachfrage in Deutschland wächst behutsam. Auffallend ist, dass – beflügelt durch die besseren Milchpreise – Technik für die Grünfutterernte weit oben auf der Bestellliste steht. Auch die Investitionen in Stall- und Melktechnik ziehen leicht an, wie regionale Händler berichten.


Dennoch sagen die Prognosen für den deutschen und weite Teile des europäischen Marktes über alle Produktgruppen hinweg ein mehr oder weniger starkes Minus beim Marktvolumen 2010 voraus. Am härtesten trifft es die Sparte Mähdrescher mit einem geschätzten Absatzrückgang in Deutschland von 42 %. Anders bei Häckslern. Hier rechnet die Branche mit einem exorbitanten Plus von 26 %. Der Grund: Allein in diesem Jahr soll deutschlandweit die Anzahl der Biogasanlagen von derzeit 4.500 auf 5.300 anwachsen. Das erfordert Erntekapazitäten.


Die Prognose für die Geschäftsentwicklung in Europa ist zweifellos für den Moment düster. Anlass zum Bangesein gibt sie nicht. Immerhin präsentieren sich die aufstrebenden Agrarmärkte in Südamerika und zunehmend stärker auch in Asien als äußerst erfreulicher Konjunkturmotor für die Landtechnikproduzenten. Unternehmen wie Agco (Fendt, Massey-Ferguson, Valtra, Challenger), Claas und CNH (Case, New Holland, Steyr) bestätigen, dass die Umsatzrückgänge in Westeuropa stark durch hohe Zuwächse zum Beispiel in Südamerika ausgeglichen werden. Allein in Südamerika rechnet man 2010 mit einem Marktzuwachs bei selbstfahrenden Erntemaschinen von bis zu 30 % und bei Traktoren von bis zu 10%.


Kräftig in Bewegung geraten ist auch der Markt bei Pflanzenschutzmitteln. Hier zeigt sich ein etwas differenzierteres Bild, was die Umsatzzahlen in Europa angeht. Sorgenkinder sind Nordamerika und ein extremer Preisdruck. Aber ebenfalls klar springt beim Blick in die aktuellen Quartalsauswertungen ins Auge: Für Bayer CropScience, Basf oder Syngenta geht in Südamerika und Asien die Post ab.


Ob diese Branchen von den anziehenden Preisen bei Milch und Getreide profitieren, bleibt abzuwarten. Bislang deutet alles darauf hin, dass die weltweite Ernte klar unter den Erwartungen bleibt. Zusätzlich angeheizt wird der Markt durch die verheerenden Brände in Russland. Vorigen Donnerstag verhängte Premier Wladimir Putin einen Exportstopp für Getreide, um die Inlandsversorgung zu sichern. Auch das treibt die Notierungen an den Börsen hoch. Mit der Konsequenz, dass die Mischfutterpreise explodieren. Beobachtern zufolge sollen die Hersteller kaum noch mit den Preisanpassungen hinterherkommen. Das setzt die Schweinehalter zusätzlich unter Druck, die ohnehin unter schwachen Schlachtpreisen leiden.


Die Agrarmärkte sind unberechenbar. Die Absatzprognosen insbesondere bei Landtechnik lassen sich als Indiz dafür werten, dass verstärkt, mitunter „auf Teufel komm raus“, in vergleichsweise einkommenssichere Erneuerbare Energien investiert wird. Auf der anderen Seite verändert sich bei Landwirten und Lohnunternehmen das Kostenbewusstsein. Wichtiger als stets die allermodernste Technik zu besitzen, wird es, die Fremdkapitalbelastung überschaubar zu halten. Rücklagen zu bilden bekommt Priorität. Unternehmerische Sicherheit zu schaffen für schlechtere Zeiten und Zahlungskraft zu erhalten, wird zum lebensnotwendigen Trend. Damit mutiert das Sicherheitsdenken keinesfalls zum Absatzkiller. Sondern auf Sicht gewinnen alle Marktpartner.


Ralph Judisch


 


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