Kommentar
30.07.2010 -
Kaviar in Astana
Erst die Gluthitze, nun wechselhaftes Wetter mit Schauern und milderen Temperaturen. Egal, wie es kommt: Auf den Höfen herrscht Hochdruck. Die Bauern fahren ihre Ernte ein und haben dabei ein lachendes und ein weinendes Auge. Die Erträge bleiben unter den Erwartungen. Dafür sind die Preise im Aufwind. Eng könnte es bei Kartoffeln und der Futterversorgung werden. Gebietsweise hat die lang anhaltende Trockenheit auf Weiden und beim Mais Spuren hinterlassen. Warten wir’s ab. Gezählt wird am Schluss.
Bei anderen ist die Sommerzeit Reisezeit. Zum Beispiel für unsere Spitzenfrauen Angela Merkel, Ilse Aigner und Juliane Rumpf. Ein Blick in die Terminkalender verrät verstärkte Ambitionen, sprich Reiselust. Wohlweislich nahmen die drei nicht die Bahn, sondern als Transportmittel den Flieger oder die Oberklassekarosse – in jedem Fall funktionierten die Klimaanlagen einwandfrei.
Merkel auf Schlemmertour. Die Kanzlerin zog es kurz vor ihrem Urlaubsbeginn noch zu Staatsbesuchen in die Weiten Russlands, Chinas und Kasachstans. Je weiter weg, desto besser, könnte man meinen. Bloß weg von Umfragetiefs und abhandenkommenden Ministerpräsidenten. Bei einem opulenten Empfang kann man solche Schmäh und solche Ungezogenheiten schnell vergessen. Ihren Tag in Astana, der kasachischen Hauptstadt, beschreibt der stern so: „Staatschef Nursultan Nasarbajew lässt groß auffahren. Kaviar zum Fisch, Château Pétrus, dazu ,La Traviata’ und bayerische Polka …“ Es sei ihr gegönnt.
Aigner auf Werbetour. Was die Bundesagrarministerin auf ihrer kürzlichen Reise durchs Baltikum „aufgetischt“ bekam, ist nicht überliefert. Eine feste Grundlage jedenfalls war notwendig. Lettland, Litauen und Estland waren drei von 15 Mitgliedstaaten, die sie in diesem Jahr besuchen will. Straffes Programm, harte Verhandlungen. Es geht um die Gemeinsame Agrarpolitik nach 2013, um das Werben für deutsche Positionen, die Suche nach Verbündeten, um viel für die deutschen Bauern. Aigner hat – das wird allgemein beobachtet – deutlich an Kontur gewonnen, sich aus dem Schatten Horst Seehofers befreit. Sie steht wie ein Fels in der Brandung, ob in Plön, Berlin oder Brüssel. Soll sie also reisen und mit Leidenschaft Werbung für die Arbeit und die Forderungen der deutschen Bauern machen.
Rumpf auf Infotour. Äußerst agil zeigt sich die schleswig-holsteinische Ressortchefin. Fast jede freie Minute nutzt sie in diesen Tagen, um in die landwirtschaftliche und naturschutzfachliche Praxis „einzutauchen“: Leuchtturmprojekt Hof Viehbrook im Kreis Plön, Feldflorareservat im Lauenburgischen, Greifvogelschutz im Kreis Segeberg, Expedition Wattenmeer auf Sylt, Sorgen der Fischer mit Fangquoten und Bürokratie in Heiligenhafen, Schweineherdbuchzucht auf dem Hof Hamann im Kreis Plön, Rinderzuchtorganisation in Neumünster und diesen Montag auf dem Hof Petersen mit Anglerrindern im Kreis Schleswig-Flensburg. Und regiert wird auch noch. Respekt!
Anlass all dieser Gespräche war es, sich über die Erfolge und Sorgen der Akteure – Landwirte, Fischer, Naturschützer – hautnah zu informieren. Auch Frau Rumpf schärft ihr Profil. Man kann über manche Ergebnisse ihrer Arbeit zwar geteilter Meinung sein, Stichworte: Rumpf-Papier, Einfrieren der Agrarinvestitionsförderung, Kürzung der Ökoförderung. Aber man darf ihr zugutehalten, dass sie ihre Bodenhaftung zu bewahren sucht.
Reisen bildet. Und – frei nach Martin Luther – dem Volk, sprich den Landwirten, aufs Maul zu schauen, hat noch eher genützt als geschadet. Auch Ministerin Rumpf soll weiter durchs Land touren, zu den Höfen und zu Biotopen und dorthin, wo es knirscht. Was sie dabei erspäht und erfühlt, sollte sich am besten von jetzt auf gleich in ihren Überlegungen und politischen Entscheidungen niederschlagen. Das geben wir ihr mit in die Sommerpause, die sie im Übrigen in Schleswig-Holstein genießen will. Und nicht zu vergessen: Auch für das leibliche Wohl der Ministerin wird hierzulande liebevoll gesorgt. Die selbst gebackene Himbeertorte in Hamanns Bauerngarten war sommerlecker. Da lässt man Kaviar in Astana gern beiseite.Ralph Judisch





