Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Kommentar

16.07.2010 -  

Prinzip Zufriedenheit


Einst sagte die Witwe eines Milcherzeugers, mit dem Tod ihres Mannes habe das letzte Rindvieh den Hof verlassen. Das bezog sich natürlich auf den Tierbestand. Doch normalerweise stellt sich der Strukturwandel anders dar, auch wenn er immer ein gewisses Maß an gefühlter und realer Brutalität enthält. Für den Landwirt, der unter diese Walze des Wandels gerät, bleibt es eine einschneidende Zäsur in der eigenen Lebensgeschichte und der des Familienbetriebes. Wie sehen die Betriebe in Zukunft aus? Die meisten werden wählen zwischen den Strategien „Ausscheiden aus der aktiven Bewirtschaftung“ und „Hin zur Kostenführerschaft“. Beide Wege sind sinnvoll. Beide führen dazu, dass der Betrieb sich massiv verändert.


Doch es gibt auch die ganz anderen Geschichten, wie sie in diesem Bauernblatt zu lesen sind. Betriebe mit 40 oder 50 Kühen, die nicht mutlos werden, sondern die Zukunft anpacken – jeder auf seine Weise und mit einer individuellen Strategie. Man mag es kaum glauben, aber es gibt einen lohnens- und vor allem lebenswerten Weg zwischen Wachsen und Weichen, der bisher viel zu wenig Beachtung in der Diskussion findet. Selbst die Milchkrise hat diesen Betrieben nicht mehr anhaben können als anderen.


Was macht diese Betriebe aus?


- Der Wille zum extremen Wachstum ist nicht vorhanden.


- Großer Wert wird auf ein ausgewogenes Verhältnis von Arbeit und Leben gelegt.


- Die Zukunft wird positiv gesehen, motivierte Nachfolger stehen bereit.


- Ordentliche – keine extremen – Leistungen sind ebenso eine Voraussetzung für den Erfolg wie ein geringer Fremdkapitaleinsatz.


- Jeder Betrieb hat eine individuelle und damit angepasste Strategie.


- Es sind Betriebe mit dem Willen zum Erfolg.


Interessant ist, dass diese Betriebe für sich ein Wachstum nicht ausschließen, sondern lediglich einen anderen Blick auf gangbare Wege werfen: Reine Größe wird kritisch hinterfragt, es geht um den Erfolg insgesamt. Vor allem: Man hat keine Angst, zu spät zu kommen, eine Entwicklung zu verpassen. Eine allzu große Abhängigkeit von Banken ist unerwünscht. Deshalb wird nur ungern in den schwindenden Wert der Milchquote investiert. Geld wird gerne ausgegeben, aber möglichst erst dann, wenn es verdient ist. Investitionen erfolgen daher in kleineren Schritten und „auf Sicht“. Aber sie erfolgen – und das sieht man den Betrieben an.


Neben diesen Gemeinsamkeiten hat jeder Betrieb sein kleines „Geheimnis“, das den Erfolg ausmacht. Sei es, dass Handwerkerleistungen nicht nachgefragt, sondern selber erbracht werden, sei es die ideenreiche Vermarktung der eigenen Produkte, der engagierte Nebenjob als Züchter oder auch der sorgfältig geplante und nicht erzwungene Rückzug.


Keine Frage: Der Megatrend weist in Richtung Größe. Daran geht angesichts einer zunehmend notwendigen Weltmarktorientierung der Landwirtschaft kein Weg vorbei. Das bedeutet, dass für das Wachstum des einen weiterhin jemand anderer Platz machen wird. Für die ausscheidenden Betriebe muss es darum gehen, das hart erarbeitete Eigenkapital zu erhalten.


Doch wie heißt es bei „Asterix“: „Ganz Gallien ist von den Römern besetzt. Ganz Gallien? Nein …“ Es geht auch anders. Wer den Betrieb geplant langsam entwickelt, wird nie an der Spitze der Entwicklung stehen – weil er es nicht will. Nicht jeder Landwirt ist zum Herdenmanager geboren. Doch auch mit 50 Kühen lässt sich durchaus ein Gesamteinkommen erwirtschaften, das sich hinter 200-Kuh-Betrieben nicht verstecken muss, wenn man es richtig macht.


Die Lebenszufriedenheit der Betriebsleiter zumindest kann sich mit der eines jeden anderen messen. Dieser Aspekt findet in der Größendiskussion, wo es um den letztlich „von außen“ verordneten Zwang zum Wachsen geht, viel zu wenig Berücksichtigung.


Sönke Hauschild


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