Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Kommentar

09.07.2010 -  

Auch der Bauch muss mit

Das Timing war perfekt. Der Deutsche Bauerntag  in Berlin startete unter  komfortablen Bedingungen: Die Märkte haben wieder angezogen, der extreme Kostenschub auf den Höfen hat sich abgeflacht, und es gibt Anzeichen der wirtschaftlichen Zuversicht unter den Landwirten. Hinzu kommt: Die rund 400 Delegierten aus 18 Landesverbänden demonstrierten eine bemerkenswert große Geschlossenheit. Signal dafür, dass die Zeiten einer gewissen Zerrissenheit im Berufsstand vorbei sind. Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner, konnte daher sichtlich aufgeräumt durch den Bauerntag führen. Die gute Stimmung der „putzmunteren, innovativen Branche“ (Sonnleitner) paarte sich in Berlin mit knallharten Debatten um die Zukunft der Agrarpolitik und der Verbandsarbeit – zwei Baustellen, die den Beteiligten in den nächsten Monaten   Weitsicht und Mut abverlangen.

Baustelle eins ist die künftige Gemeinsame Agrarpolitik (GAP). Hier hat sich der Berufsstand mit seiner in Berlin einstimmig verabschiedeten Grundsatzposition klar in Stellung gebracht. Eine einheitlichere Gestaltung der GAP, eine starke Erste und eine gut ausgestattete Zweite Säule sowie ein nicht marktverzerrendes Sicherheitsnetz sind  wichtige Eckpunkte darin. Auf diesem Kurs ist auch Bundesagrarministerin Ilse Aigner, die sich  einmal mehr als Partnerin der deutschen Landwirte gab. Ihr Versprechen, sich weiterhin für deren Interessen stark zu machen, scheint keine Floskel zu sein. Immerhin will sie in diesem Jahr 15 EU-Mitgliedstaaten besuchen, dort für die deutschen GAP-Positionen werben, Verbündete gewinnen. Ein ehrgeiziges Ziel. Aber es  lässt hoffen. Als Freund  der Gemeinsamen Agrarpolitik, deren Leistungen für die Gesellschaft man allerdings noch stärker bewerben müsse, präsentierte sich  ebenfalls EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos. An den Grundfesten der GAP rütteln will er nicht, aber hier und da sachte Hand anlegen. Erneut zurückhaltend blieb der Rumäne, wenn es um Konkretes ging. Diese Strategie des Zuhörens und Taktierens sollte bald ein Ende haben. Die Landwirte wollen wissen, wo es nach 2013 langgeht.

Baustelle zwei ist die Verbandsentwicklung. Die angestoßene Wertediskussion ist richtig und wichtig. Sich auf die Wurzeln und auf Traditionen zu besinnen und sich ein Leitbild zu schaffen, steht dem Bauernverband gut zu Gesicht. Gerade in der heutigen Zeit. Nur mit einem starken Einheitsverband, einem politischen Schwergewicht, lassen sich die neuen Herausforderungen  meistern. Deshalb ist es notwendig, in einer breiten Debatte alle Mitglieder (und auch die Noch-nicht-Mitglieder) mitzunehmen, ob groß oder klein, ob konventionell oder ökologisch. Die angesichts des Strukturwandels ins Gespräch gebrachte stärkere Hinwendung zu Produktspezialisten kann nicht mehr als eine Ergänzung der traditionellen Verbandsarbeit sein.

Mitnehmen heißt auch, dass besonders die Mitglieder an der Basis in die Debatte um Werte, Leitbild und Neuorientierung einbezogen werden. Sie sind die Säulen einer leistungsstarken berufsständischen Interessenvertretung. Bislang wirkt die Kampagne noch etwas „kopflastig“, wie Delegierte auf dem Bauerntag bemerkten. „Nicht nur der Kopf, auch der Bauch muss mit“, brachte es ein Diskussionsredner auf den Punkt. Darüber sollte man  ebenso nachdenken wie über den künftigen Umgang und die Auseinandersetzung mit „Andersdenkenden“.

Ein weiteres wichtiges Zukunftsprojekt ist   die verbesserte Kommunikation nach außen und nach innen. Hier hat sich der Bauernverband viel vorgenommen. Etwa eine stärkere Aufklärung der Gesellschaft über die Leistungen der Landwirtschaft und die verbesserte Information der Mitglieder – auch und gerade der jüngeren – sowie der Verbraucher mithilfe neuer Medien. Werbung und Internetkommunikation sind unverzichtbar. Aber es braucht innovative Ideen, gute Leute und technische Voraussetzungen. Das gibt’s nicht für einen schmalen Taler, darüber waren sich die Delegierten einig – und auch darin, dass dies der Bauernverband allein schultern müsse, um Neutralität und Glaubwürdigkeit zu bewahren. Die Finanzierung dieser neuen Aufgaben ist ebenfalls ein Thema für die Zukunftsdebatte an der Verbandsbasis.

Zuversicht und Innovation – Berlin hat die Signale auf Grün gestellt: für eine starke Gemeinsame Agrarpolitik und für eine starke, offene Verbandsarbeit. Jetzt gilt es, richtig Fahrt aufzunehmen. Ralph Judisch
 
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