Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Kommentar

25.06.2010 -  

Spiel mit der Angst


Seit ihrem Debüt anno 1988 punkten die DLG-Feldtage damit, das Schaufenster des modernen Ackerbaus zu sein. Sie seien ein Bekenntnis für den Fortschritt in der Landwirtschaft und der Impulsgeber für Innovationen schlechthin. Mit solch selbstbewussten Worten eröffnete der Präsident der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG), Carl-Albrecht Bartmer, die diesjährige Leistungsschau auf dem Rittergut Bockerode bei Hannover. An deren Ende standen mit mehr als 300 Ausstellern und über 21.350 Besuchern zwei neue Spitzenwerte. Überschattet wurden die DLG-Feldtage vom angeblich „größten Gensaatgut-Skandal Deutschlands“, der seinen Anfang ausgerechnet in jenem Bundesland nahm.


Die Aufregung hat Methode. Da werden in Saatgut oder Futtermitteln aus Übersee minimale Spuren von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) entdeckt –  schon ist die Rede von Skandalen in einer Breite und Schärfe, dass man meint, der Menschen Untergang stünde bevor. Eine große Tageszeitung überschrieb unlängst gar einen Artikel über Grüne Gentechnik mit „Angst vor dem Frankenstein-Futter“. „Herrschaftszeiten!“, würde ein Bayer jetzt aufstöhnen. Im aktuellen Fall ging es um Maispartien, in denen die niedersächsischen Behörden „0,03 beziehungsweise weniger als 0,1%“ GVO-Verunreinigungen gefunden hatten. Das Züchtungsunternehmen hält eigene Tests dagegen, wonach das betreffende Saatgut völlig GVO-frei ist. Wie dem auch sei. Auf jeden Fall reden wir hier von „Mengen“ die eng an der Grenze des technisch Messbaren liegen. Es sind  winzigste Spuren!


Einverstanden, die Angelegenheit kochte auch deshalb so hoch, weil die Saatgutproben im Februar untersucht wurden und GVO-Spuren gezeigt hätten, der Mais aber trotzdem zur Aussaat gelangte. Einverstanden, es ist fragwürdig, dass es erst eines Gerichtsentscheides bedurfte, bis das Saatgutunternehmen die Vertriebswege bekanntgab. Einverstanden auch, dass mit gentechnischen Organismen, und seien es nur Spuren im Promillebereích, äußerst sensibel umzugehen ist.


Aber: Der Ruf nach Nulltoleranz ist weltfremd. Das zeigte sich einmal mehr auf dem viel beachteten Forum „Grüne Gentechnik“ während der DLG-Feldtage. Warum man sich auf Brüsseler Bühne immer noch so schwer damit tut, die Nulltoleranz aufzuheben, lässt sich nicht nachvollziehen. Denn der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen wächst weltweit enorm. Aktuell beträgt die GVO-Anbaufläche 134 Mio. ha! Ein Blick auf die Kulturen: 77% der weltweiten Sojaproduktion basieren auf GVO, 49 % der Baumwolle, 26% des Maises, 21 % des Rapses und 9 % der Zuckerrüben.


Diese Entwicklung ist unaufhaltsam, weil die Welternährung bei wachsender Bevölkerungszahl gesichert werden muss. Mit herkömmlichen Technologien allein wird das wohl kaum zu leisten sein. Nicht von ungefähr setzen insbesondere Südamerika und Entwicklungsländer auf die Vorteile gentechnisch veränderter Sorten, die angesichts schwieriger klimatischer Bedingungen dort Anbau- und Ertragssicherheit versprechen. Europa kann sich von den globalen Märkten nicht abschotten. Momentan nimmt der Anbau von GVO-Pflanzen hier zwar ab. Es wäre jedoch ein Trugschluss zu glauben, dass die Menschen, sprich die Verbraucher in diesem Wirtschaftsraum langfristig auf einer Insel der Glückseligen leben und mit GVO nichts zu tun bekommen.


Damit sind wir beim Knackpunkt. Statt an einer sachlichen Aufklärung der Gesellschaft über Chancen und Risiken Grüner Gentechnik mitzuwirken, schüren radikale Gentechnikgegner und manche Medien die Ängste der Verbraucher. Das ist schlichtweg verantwortungslos. Gerade auch, wenn es sich wie aktuell um Konstrukte wie die Sorte NK603 handelt, für die die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) keinerlei Anbaurisiken sieht. Auch kann es nicht angehen, dass Landwirte und Züchter, die sich für eine innovative Biotechnologie öffnen, an den Pranger gestellt und ihre Felder zerstört werden. Deshalb muss in der Gentechnikpolitik auf deutscher und auf europäischer Ebene ein rasches, grundsätzliches Umdenken stattfinden. Ja zu Verbraucherschutz und Aufklärung, ja zu Forschung – und Nutzung – von Biotechnologien. Für den  Ackerbau der Zukunft haben die DLG-Feldtage die Richtung gewiesen.


Ralph Judisch


 


 


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