Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Kommentar

21.05.2010 -  

„The zeitgeist“


„The zeitgeist” [tsaitgaist] ist ein deutsches Wort mit Weltkarriere. Sei es als Titel des englischsprachigen Filmes „Zeitgeist“ aus dem Jahr 2007, als gleichnamiges Album der Rockband „The Smashing Pumpkins” oder gar als Name eines Comichelden – dieser Wortexport ist ein Erfolg. Ursprünglich beschreibt der Begriff die Denkweise und Gefühlslage einer Zeit. Gegenwärtig ist der Zeitgeist sicherlich im stetig steigenden Umweltbewusstsein zu suchen, dessen Ursprung man ebenfalls in seinem Heimatland suchen darf. „Le Waldsterben“ nannten die Franzosen in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein Phänomen, das in Deutschland wurzelte, international aber wenig Beachtung fand. Doch aus der scheinbar kurzlebigen Modeerscheinung entwickelte sich eine stabile gesellschaftspolitische Strömung, die heute viele Lebensbereiche durchdringt.


Auch wenn der Wald noch lebt: Das Bewusstsein für unsere Umwelt ist international gewachsen. Heute schlagen diese Wellen der Nachhaltigkeit – auch so ein Karrierewort, diesmal aus der deutschen Forstwirtschaft – weltweit an allem an, was dem Klimaschutz dient. Aktuellstes Beispiel ist die Diskussion um den CO2-Fußabdruck der Landwirtschaft: Wer auf ein Kilo Schweinefleisch verzichtet, könnte stattdessen 40 Tassen Kaffee trinken oder 20 km mit seinem Pkw fahren. Das ist der moderne Ablasshandel unserer Gesellschaft. Wir werden am CO2-Fußabdruck unseres Lebens gemessen.


Viele Landwirte reagieren darauf mit Abwehr. In der Tat ist die wissenschaftliche Basis für viele Behauptungen – noch – sehr dünn und vor allem widersprüchlich. Doch das wird sich ändern. Die eigentliche Frage ist: Muss alles Neue zuerst einmal negativ betrachtet werden? Präsident Werner Schwarz machte auf der Tagung des Zentralverbands der deutschen Schweinehaltung (ZDS) in Lübeck klar, dass auch die Landwirtschaft nicht umhinkommt, sich verstärkt mit derartigen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Schwarz formulierte allerdings positiv: „Wir sollten den Kunden nicht mit ernster Miene darüber aufklären, warum ein CO2-Fußabdruck unerheblich, unsinnig und unerforscht ist. Wir sollten dem Verbraucher bieten, was er verlangt – solange die Mehrkosten nicht den Mehrerlös auffressen.“


Zumal es angesichts der Effizienz der deutschen Schweinehaltung oder Landwirtschaft nicht zu befürchten steht, dass wir diese Diskussion als Verlierer verlassen. Die Formel lautet: je effizienter die Produktion, desto kleiner die Schuhgröße. Hier haben wir Wettbewerbsvorteile, die sich nicht einfach wegwischen lassen. Der CO2-Fußabdruck kann sich durchaus zu einem Werbeargument entwickeln, das uns hilft, der Niedrigpreisfalle zu entkommen. Ein weiterer Vorteil: In der Effizienzdiskussion reichen sich Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit die Hand.


Man kann den Zeitgeist reiten oder von ihm geritten werden. Und mit jeder Wendung, die dieser Geist nimmt, entstehen neue Chancen, die nur darauf warten, wahrgenommen zu werden. Am schnelllebigen Schweinemarkt hat derjenige Erfolg, der das Ohr ganz dicht am Abnehmer hat. Das ist vor allem dann von Bedeutung, wenn man derart exportabhängig ist wie die deutsche Schweinehaltung – und weiter auf Expansion setzt. Gute Bezahlung erfordert bessere Produkte. Mit „Premium“ lässt sich dieses Geld verdienen. Doch damit der Preisaufschlag vom Verbraucher akzeptiert wird, sollten nicht die Landwirte festlegen, wie sich „Premium“ definiert. Eine Produktion mit allen Finessen interessiert am Ladentresen niemanden. Die Definition muss dem Verbraucher überlassen bleiben, so Werner Schwarz – und dem Zeitgeist, möchte man hinzufügen. Selbst wenn uns die Begriffsbestimmung am Ende aus fachlicher Sicht manchmal geradezu widerstrebt.


Die Landwirtschaft muss sich in die Diskussion einschalten. Durchaus kritisch, aber auf jeden Fall konstruktiv. Denn hier liegt Geld auf der Straße. Es geht um „ the knackwurst“ [nak worst]. In den USA kennt man diese Spezialität aus der „Holstein region“. Wir können etwas. Aber wir dürfen uns nicht (zeit-)geistlos darauf ausruhen. Sönke Hauschild


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