Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Kommentar

30.04.2010 -  

Cash oder Crash?


Jahrzehnte lang war die Milcherzeugung die Cash Cow der deutschen Landwirtschaft. Mit diesem Begriff aus der Betriebswirtschaft bezeichnet man ein gut eingeführtes Produkt, das jährlich stabile und berechenbare Gewinne erwirtschaftet. Bei solchen Produkten darf lediglich das „Melken“ nicht vergessen werden. Die Schweinehaltung dagegen unterliegt seit jeher dem Schweinezyklus. Auch dies ist ein Begriff aus der Betriebswirtschaft, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Der Markt für Schweinefleisch war und ist durch ein ständiges Auf und Ab gekennzeichnet. Die Schweinehaltung hat unter dem Zyklus gelitten. Aber sie hat sich verändert und ist stark geworden. Von einer deutschen Selbstversorgung bei Schweinefleisch, die vor einigen Jahren bei gut 70 % lag – mit sinkender Tendenz –, haben wir uns an die 110-%-Marke herangearbeitet. Da staunt die Politik, und das Ausland wundert sich. Denn die deutsche Schweinehaltung hatte man bereits abgeschrieben. Spanien sollte übernehmen. Doch Chancen hören nicht auf zu bestehen, wenn es schwierig wird. Im Gegenteil: Schwierige Zeiten sind oft genug solche, die neue Chancen hervorbringen. Und so stehen heute mehr Schweine in deutschen Ställen als zuvor, schlachten deutsche Betriebe mehr Schweine, als je für möglich gehalten wurde. Die Zahl der Schweinebetriebe allerdings hat selbst im Milch-Krisenjahr 2009 stärker abgenommen als die in der Milcherzeugung.


Das vergangene Jahr zeigt eines deutlich: Soforthilfe ist wichtig – vor allem, wenn sie rechtzeitig kommt –, langfristig aber regiert Markt statt Merkel. Auch Brüssel wird nicht müde, diesen Weg aufzuzeigen. Die EU-Politik will mehr Wettbewerb. Quoten sind für sie kein Instrument mehr, sondern ein Hindernis, das aus dem Weg geräumt wird. Schweinehalter kennen das Karussell des Marktes. Nun unterliegen auch die Cash Cows der Milcherzeugung dem Schweinezyklus. Und das ist nicht einfach für die Betriebe und Bauernfamilien, die sich hinter den Zahlen verbergen. Doch bedeutet dieses Karussell keinesfalls, dass in der Milcherzeugung ab sofort keine Gewinne mehr gemacht werden. Sie werden nur anders – und zwar weniger gleichmäßig – verteilt. Das betrifft die Jahre, und es betrifft leider auch die Betriebe. Auch wenn es ungerecht erscheint, dass die Gewinne sich nicht mehr einträchtig auf alle sortieren, so bringt diese Entwicklung andererseits mehr Chancen hervor – für den Tüchtigen und den Vorsichtigen.


Ändern muss sich aber das Denken. Niemand muss fürchten, dass niedrige Preise für alle Zeit festgeschrieben sind. Aber es soll auch niemand hoffen, dass hohe Preise für alle Zeit bestehen. Der Markt lehrt: Je tiefer das Tal, desto höher der Berg. Gewinnen wird, wer durchhält. Dann darf aber die Milch nicht das Einzige sein, das auf dem Betrieb flüssig ist. Durchhalten oder gar in den Aufschwung hinein investieren kann nur, wer neben der betrieblichen Rentabilität die finanzielle Liquidität nicht vergisst. Das zeigte auch die Agrarfinanztagung des DBV diese Woche in Berlin (Seite 10). Doch um die Liquidität muss man sich nicht erst im Preis- und Erlöstal kümmern, sondern bereits auf dem Preishoch: Reserven bilden statt durchinvestieren.


Nach dem Krisenjahr 2009 heißt es, nach vorne zu blicken – auch auf die nächste Krise, die sicher kommen wird. Wie ein Betrieb die Höhe dazwischen nutzt, entscheidet über seine Zukunft. Und wie bei Tieren und Pflanzen, so gilt auch in wirtschaftlichen Dingen: Gesundes Wachstum ist fast immer langsames Wachstum. Die Erzeugerbetriebe in Schleswig-Holstein sind heute konkurrenzfähig. Wer die Zukunft sehen will, der blickt nicht in die Ferne, sondern nach Norden. Die Landwirte drehen an der Kostenschraube, so viel es geht. Doch allein die Vermarktung kann den benötigten Erlös bringen. Ändern muss sich daher auch das Denken in den Verarbeitungsunternehmen, gerade in manchem genossenschaftlichen. Jedes Unternehmen braucht solide Cash Cows. Sie schaffen Liquidität und Stabilität. Doch dürfen Gewinne nach guten Abschlüssen nicht allein in die Auszahlung gesteckt werden. Für das Ehrenamt der Genossenschaften sollte es nach der Erfahrung 2007/09 eine Ehrensache sein, dieses deutlich zu machen. Erlöse von heute werden benötigt, um die Cash Cows von morgen heranzuziehen. Bekommen die Gewinne erst Schwindsucht, wird die Cash Cow schnell zur Crash Cow. Das darf gerade mit Bauerngeld nicht geschehen. Wer hier Weitsicht beweist, macht sich um die Landwirtschaft verdient.


Sönke Hauschild


 


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