Kommentar
23.04.2010 -
Umwelt-Markt
In der EU-Agrarpolitik geht es um die Wurst. Die Diskussion dreht sich um die landwirtschaftlichen Direktzahlungen. Und das ist wichtig, denn hier droht deutschen Betrieben nach 2013 Ungemach. Die Zweite Säule „segelt“ derzeit im Windschatten der Ersten Säule. Doch auch hier sind die Begehrlichkeiten gerade seitens des Natur- und Umweltschutzes groß. Die Natur in Deutschland ist dem Bürger lieb – und dem Landwirt wird sie teuer. Die Kosten werden traditionell an unsere Landwirte delegiert. Denn die allgemeine Meinung ist: Öffentliche Güter wie Artenvielfalt, gesundes Klima, lebendige Natur, gepflegte Landschaft sollen von den Flächennutzern aus Gemeinsinn bereitgestellt werden. Eigentum verpflichtet – und das weit über ein ausreichendes Einkommen hinaus. Da die Landwirte den größten Pool an Eigentümern darstellen, werden vorrangig sie mit dieser ehrenvollen Aufgabe beauftragt. Da wäre es doch ehrenrührig, wenn sie mit Umweltleistungen noch etwas verdienen wollten!
Eine derartige Politik beherrscht heute die Zweite Säule, sei es beim Vertragsnaturschutz oder den MSL-Maßnahmen; eine Anreizkomponente ist zwingend ausgeschlossen. Wer Gülle verschlaucht oder Schonstreifen anlegt, der soll zwar auf seine Kosten kommen. Verdienen darf er daran aber nichts. Unter anderem an dieser Maßgabe ist auch der Vorschlag des Bauernverbandes gescheitert, eine GPS-gestützte Ackerbearbeitung als MSL-Maßnahme aufzulegen. Das hätte einen Anreiz darstellen können. EU-Bürokraten wachen mit Argusaugen darüber, dass die Landwirtschaft die Vorgaben einhält. Und manch engagierter Bürger fühlt sich moralisch verpflichtet, den Kontrollbehörden hilfreich zur Seite zu springen. Die Landwirtschaft steht nicht nur in der Pflicht, sondern zugleich am Pranger.
Das Ergebnis dieser jahrzehntelangen europäischen Gutmenschenpolitik ist unschwer zu erkennen. Die Artenvielfalt nimmt seit geraumer Zeit nicht zu, sondern leicht ab. Weil es eben nicht so einfach ist, bei einem Einkommen, das den Schwankungen der Witterung und des Marktes ausgesetzt ist und zugleich mit immer größeren Produktionseinheiten gesichert werden muss, nebenbei auch noch die Natur zu fördern. Doch es muss einmal gesagt werden: Allein dass der Artenschwund nicht noch schneller vonstattengeht, ist ein Verdienst eines Berufszweiges, der sich eben doch um die langfristige Grundlage seines Daseins kümmert – im Rahmen seiner Möglichkeiten.
Wer die Artenvielfalt steigern möchte, der muss daher den Rahmen für die Landwirtschaft erweitern. Und das wäre denkbar einfach: Alle Erfahrungen lehren, dass eine zahlungskräftige Nachfrage nach einem Gut zu einer höheren Produktion eben dieses Gutes führt. Auch ein öffentliches Gut ist zuallererst ein handelbares Gut. Es muss „erzeugt“ werden. Dieses Verständnis muss wachsen, will man Erfolg im Naturschutz haben. Wir sollten uns vom Gedanken an das Paradies als natürlichen Zustand unserer Umwelt verabschieden. Wer sich das Paradies auf Erden zurückwünscht, der weiß hoffentlich noch, dass der Garten Eden seit der Vertreibung menschenleer ist. Seither erfordert es Mühe und Anstrengung, eine lebenswerte Umwelt für Menschen zu schaffen und zu erhalten. Wer sich dieser Mühe unterzieht, der muss entsprechend belohnt werden. In die Zweite Säule der Gemeinsamen Agrarpolitik müssen Anreizprinzipien zurückkehren.
Und niemand sollte sich darüber hinwegtäuschen: Angebot und Nachfrage bestimmen schon heute den Preis des öffentlichen Gutes „Natur“. Nur wer es sich leisten kann, betreibt Naturschutz. Deshalb interessiert das Thema in Afrika wenige Menschen, aber in Deutschland gewinnt man damit Wahlen. Die Rechnung ist einfach: Wer den Preis dieses Gutes erhöht, der bekommt mehr davon. Eines kann die Landwirtschaft allen kritischen Gutmenschen garantieren: Eine Wende hin zu einem marktorientierten Klima-, Umwelt-, Tier- und Naturschutz würde die Landschaft lebendiger machen und Rote Listen jeglicher Art schnell und dauerhaft verkürzen. Das Jahr 2014 beinhaltet insofern eine große Chance. Sönke Hauschild





