Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Kommentar

16.04.2010 -  

Unbetäubt am Haken

Vor ein paar Wochen Geflügel und Kaninchen, jetzt Rinder und Schweine. Man kann – leider – fast darauf wetten, dass nach einer gewissen Pause bald wieder ein neuer Lebensmittelskandal die Schlagzeilen der Medien bestimmt. Diesmal war es das öffentlich-rechtliche Magazin Frontal 21. Am vorigen Dienstagabend  zeigte das Zweite erschütternde Bilder aus deutschen Schlachthöfen. Stern.de titelte im Vorfeld „So qualvoll stirbt das Schlachtvieh“ und berichtete weiter: „Dreieinhalb Millionen Rinder und 56 Millionen Schweine wurden in Deutschland 2009 geschlachtet. Viele der  Tiere mussten unnötige Schmerzen erleiden – weil an der falschen Stelle gespart wird.“

Dem Vernehmen nach werden allein 5 bis 7 % der Rinder vor dem Schlachten nicht korrekt betäubt. Bei Schweinen soll der Anteil bei 1 % liegen, was den Tatbestand keinesfalls verharmlost. Kein geringerer als der Chef des Kulmbacher Instituts für Sicherheit und Qualität bei Fleisch, Prof. Klaus Troeger, spricht von Tierquälerei und massiven Verstößen gegen Vorschriften der Tierschutz-Schlachtverordnung. Pikant daran: Die von Troeger geleitete Einrichtung gehört zum Max-Rubner-Institut (MRI), und das wiederum ist eine Bundesbehörde, die dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz untersteht. Dort ist das Problem seit Jahren bekannt.

Um es zu lösen, wird Geld gebraucht. Die Bundestierärztekammer und der Bundesverband Praktizierender Tierärzte (bpt) werden nicht müde, auf die Missstände hinzuweisen. Die Kammer fordert, Forschungsprojekte zur sicheren Betäubung von Schlachtvieh stärker zu fördern und die Ergebnisse zügiger in die Praxis umzusetzen. Vonseiten des bpt heißt es, dass aufgrund von Personalmangel an den kritischen Punkten Entladen und Betäuben zu wenig tierärztliche Kontrollen stattfinden.

Kontrollen allein schützen nicht vor gewissenlosen Geschäftemachern. Als solche muss man die schwarzen Schafe, die jegliche Ethik außen vor lassen, in der Schlachtbranche bezeichnen. Die gehören hart bestraft. Andere Beispiele – auch in Schleswig-Holstein – beweisen, dass es durchaus Unternehmen gibt, die den Tierschutz im Blick haben. Sie nutzen bestimmte Kontrollgeräte und Anlagen, die Fehlbetäubungen ausschließen. Das sollte trotz harten Konkurrenzkampfes und niedriger Gewinnmargen Schule machen.    

Eines zeigt der jüngste Skandal erneut: Die Politik versagt hier völlig. Ob unbewusst oder angesichts der Machtfülle von Schlachtkonzernen bewusst, sei dahingestellt. Fakt ist jedoch, dass die Regierung üblicherweise geradezu versessen darauf ist, Regelmonster zu erfinden, um noch mehr in betriebliche Abläufe eingreifen und alles „unter Kontrolle“ haben zu können. Die Landwirte singen davon ein bitteres Lied, Stichwort Cross-Compliance. Doch beim Tierschutz lässt Berlin es offenbar laufen. Deshalb ist die Betroffenheit von Peter Bleser, agrarpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, zwar angebracht, aber scheinheilig. Vor allem indem er mehr Verantwortung der Verbraucher beim Einkauf anmahnt, anstatt seine Regierungskollegen energisch zum Handeln zu bewegen.

Dafür wird es  höchste  Zeit. Gerade aus Regierungskreisen hört man dieser Tage im Zusammenhang mit der Reformdebatte zur Gemeinsamen Agrarpolitik, dass die deutschen Landwirte nach vorbildlichen  Standards produzieren. Dazu zählen Tierschutzauflagen, die weltweit ihresgleichen suchen, lobt sich die Bundesregierung und macht den Bauern das Wirtschaften nicht leichter. Die Erfüllung dieser hohen, kostspieligen Standards gilt als maßgebliche Begründung zum Erhalt der Direktzahlungen. Umso fragwürdiger ist es, dass die Regierung beim Tierschutz im Verarbeitungsbereich ihre Augen verschließt. Die Gesellschaft unterscheidet nicht, wer wirklich der Skandalverursacher ist. Als Schuldiger wird kaum jemals das Unternehmen X, sondern pauschal die Agrarbranche gesehen. Das Bundeslandwirtschaftsministerium muss jetzt zügig den Tierschutz auf Schlachthöfen in den Griff kriegen. Wie lange wollen es Aigner & Co  noch hinnehmen, dass  ehrliche bäuerliche Arbeit von verantwortungslosen Dritten in den Dreck gezogen wird? Ralph Judisch
transparent  


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