Kommentar
09.04.2010 -
Landwirt ohne Land?
„Sieh zu, dass du Land gewinnst!“ Was im übertragenen Sinn bedeutet, dass man „Leine ziehen“ soll, wird für viele Landwirte auch im direkten Bezug immer wichtiger. Die Landpreise steigen. Welche Entwicklungen sind für diese neue Wertschätzung verantwortlich? Zum einen sind es die zunehmenden Einkommensschwankungen der Landwirtschaft. Eigenland ist Eigentum und stabilisiert den Betrieb in schwierigen Zeiten. Auf Banken wirkt ein hoher Anteil an Eigenland beruhigend. Zum anderen ist eine wachsende Flächenknappheit festzustellen. Dieses ist bedingt durch den Boom bei Biogas und die prinzipiell ungewöhnliche Maßgabe mancher Bank, derartige Investitionen nur mit dem Nachweis langfristiger Pachtverträge zu finanzieren. Es ist aber auch, wie ein Berater kürzlich lobte, der hohe Anteil fähiger und williger Betriebsleiter in Schleswig-Holstein, der den Flächenmarkt beeinflusst.
Daneben schlägt der weiterhin hohe Flächenverbrauch für Siedlung, Verkehr und den damit verbundenen Ausgleich preistreibend zu Buche. Zwar ist die Absicht der Bundesregierung, den Flächenverbrauch von derzeit 105 auf 30 ha am Tag im Jahr 2020 (!) zu senken, absolut lobenswert. Doch gleicht dies einer Herkulesaufgabe. Das Festschreiben eines Eins-zu-eins-Ausgleichs im Bundes- und Landesnaturschutzgesetz zeigt aber, dass man inzwischen bereit ist, gar ideologische Grenzen zu überschreiten. Selbst das Bundesumweltamt erklärt inzwischen, dass die Gleichung „weniger Landwirtschaft = mehr Naturschutz“ nicht mehr aufgeht. Vor allem in den ostdeutschen Bundesländern ist die Lage schwierig. Zwar haben die dortigen Unternehmen in den vergangenen 20 Jahren ihren Eigenlandanteil erheblich steigern können. Dennoch sind sie von Quoten, wie sie im Westen üblich sind, immer noch Welten entfernt. Interessant ist auch, dass die agrarstrukturellen Gegenpole Schleswig-Holstein und Bayern bis heute die höchsten Eigentumsquoten in der Hand aktiver Landwirte aufweisen. Dabei ist die Lage im Norden ohne Frage zukunftsträchtiger. Denn hier liegt der Anteil trotz eines anhaltenden Betriebswachstums noch nahe der Hälfte der betrieblichen Fläche. In Bayern sind die 50 % eher eine Folge nicht getätigter Wachstumsschritte.
Für alle gilt aber: Der langfristigen Sicherung der Fläche kommt in einem engen Markt eine wachsende Bedeutung zu. Wer bleibt, der unterschreibt: langfristige Pachtverträge oder Kreditvereinbarungen. Hohe Nachfrage nach Land wirkt schnell auf die Pachtpreise und langsam auf die Kaufpreise. Schleswig-Holstein besticht dadurch, dass es bei den Kaufpreisen im Westen im unteren Bereich rangiert, bei den Pachtpreisen aber in der Spitze mitmischt. Von daher scheint es ein guter Rat, auf Kauf zu setzen und die Pacht zu sparen. Dem gegenüber steht der hohe Kapitalbedarf, der damit fällig wird. Glücklicherweise liegt Schleswig-Holstein nicht in den Preisregionen von über 30.000 €/ha, wie sie in Bayern oder im Münsterland gefordert und bezahlt werden.
Abgesehen davon, dass dies unweigerlich eine Verlangsamung des Strukturwandels nach sich zieht, ist auch die Hälfte oder weniger für viele Betriebe nur schwer zu stemmen. Zumal der Verkäufer nicht wartet, bis das Geld verdient ist. Es muss ein Kredit aufgenommen werden. Angesichts eines erwarteten Wertzuwachses sind die Banken durchaus bereit, den Betrieben unter die Arme zu greifen. Dennoch zählt neben einer Stabilität des Betriebes, die ein hoher Eigenlandanteil ohne Frage bietet, auch die Liquidität. Und auch die betriebliche Weiterentwicklung meldet regelmäßigen Finanzbedarf an.
Niemand weiß zudem, was nach 2013 mit den EU-Direktzahlungen geschieht. Es wird sie weiter geben; aber wie hoch fallen sie aus? Werden sie an weitere Auflagen gebunden oder nach Gebietskulissen vergeben? Das Ergebnis nimmt vor allem auf den Pachtmarkt Einfluss. Heute werden im Schnitt 75 % dieser „EU-Rente“ an den Verpächter durchgereicht. Jeder muss sich – heute und nach 2013 – die Frage stellen: Zahle ich die Pacht lieber an den Verpächter oder an die Bank? Es wird auch in Zukunft schwer, Land zu „gewinnen“. Doch ein Landwirt ohne Land – das geht eben auch nicht. Sönke Hauschild





