Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Kommentar

01.04.2010 -  

Siegelschwemme

Gütesiegel, Nährwertampel, Tierschutzlabel, Herkunftsbezeichnung – verfolgt man die aktuellen Debatten auf europäischer Bühne, ist schnell klar, dass das Einkaufen von Lebensmitteln nicht leichter wird. Zumindest für jene Verbraucher, die es genau nehmen, also auf bestimmte Bedingungen und Eigenschaften bei Produktion und Verzehr achten. Wer sich dann im Supermarkt durch die zahlreichen Labels auf jeder Verpackung finden will, braucht nicht nur ein gerüttelt Maß an Hintergrundwissen, sondern vor allem reichlich Zeit. Kritiker der Label-Bewegung sprechen schon von einer Siegelschwemme, die heraufbeschworen werde. Anstatt die Verbraucher immerzu mit etwas Neuem zu konfrontieren und zusehends zu verunsichern, sollte man besser die Flut unterschiedlichster Siegel und Zeichen eindämmen, heißt es. Da ist etwas dran.

Recht haben aber auch die Befürworter. Sie verweisen darauf, dass die Standards für das Erzeugen von Nahrungsmitteln in der Europäischen Union ungleich höher sind als anderswo auf der Welt. Und Deutschland ist in diesem Punkt sowieso einsame Spitze und übertrifft in einzelnen Bereichen so manch anderen Mitgliedstaat. Daher ist es legitim, mit diesen Pfunden zu wuchern, indem man dies gut sichtbar auf den Verpackungen dokumentiert. Für das Europaparlament ist es logische Folge, jetzt ein EU-Qualitätszeichen für Lebensmittel zu fordern. Damit sollen ausschließlich Erzeugnisse versehen werden, die vollständig in der EU hergestellt worden seien, heißt es in einem Beschluss, den das Hohe Haus vorigen Donnerstag verabschiedet hat. Mit dem Logo solle bestätigt werden, dass sich die Hersteller für gute Qualität und Lebensmittelsicherheit einsetzen und alle EU-weiten Produktionsstandards einhalten. Die Regelung dürfe aber weder für Marktteilnehmer noch für die Mitgliedstaaten Mehrkosten verursachen. Ein frommer Wunsch?

Diese Frage stellen sich selbst manche Europaabgeordnete. Für Britta Reimers (FDP) zumindest ist die Pflicht zur Herkunftskennzeichnung blanker „Unsinn“, ließ die schleswig-holsteinische Parlamentarierin aus ihrem Brüsseler Büro verlauten. Erzeuger und Verarbeiter würden mit zusätzlicher Bürokratie belastet, bei einigen Erzeugnissen sei die Kennzeichnung nur unter extrem hohem Aufwand umsetzbar und teuer – Beispiel Milch –, der Nutzen für den Verbraucher gleich null, es wäre der erste Schritt weg vom Binnenmarkt und hin zur Renationalisierung. Für den „Großhandelsplatz Europa“ ist das zutreffend. Ob und wie der Verbraucher auf ein solches Label reagieren würde, kann allerdings niemand abschätzen.

Unterdessen zeigt sich eine parallele Entwicklung: Die Nachfrage nach Lebensmitteln, die in der Region erzeugt und verarbeitet werden, steigt europa- und bundesweit. Immer mehr Verbraucher achten bei ihrer Ernährung auf Herkunft, Qualität, Frische, Gesundheit und Genuss. Sie vertrauen zu Recht den Landwirten und Verarbeitungsbetrieben in ihrer Heimat. Ostern mit seinen Begegnungen in der Familie, unter Freunden und Bekannten könnte ein Anlass sein, sich auf regionale und saisonale Produkte rückzubesinnen. 

Abgesehen davon ist jeder Griff zu einem heimischen Produkt zugleich ein Auftragsschein für die deutsche, die schleswig-holsteinische Wirtschaft. Heimische Produkte sind zudem klima- und CO2-freundlich (Stichwort Transporte). Ein steigender Absatz regionaler Lebensmittel ist also eine Chance für die deutsche Landwirtschaft. Das sichert Einkommen und Arbeitsplätze auf den Betrieben, hält die Wertschöpfung in der Region, es stärkt den ländlichen Raum und trägt zum Erhalt der Kulturlandschaft bei. Große Worte? Schon möglich. Denn natürlich können regionale  Produktion und Vermarktung, ein regional orientiertes Einkaufsverhalten nur ein ergänzender Bestandteil des Gesamtmarktes sein. Aber ein nicht zu unterschätzender.

Probieren Sie es aus. Bringen Sie Ostern etwas Besonderes auf den Tisch – Fisch, Fleisch, Beilagen, Obst und Getränke aus Ihrer Region. Dann sind Sie zumindest eine Sorge los: Sie müssen sich nicht durch unterschiedlichste Kennzeichen „hindurchlabeln“. Um regionale Marken und Hersteller zu erkennen, braucht es nur ein einziges Siegel. Genussvolle Feiertage!

Ralph Judisch     
 


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