Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Kommentar

26.03.2010 -  

LandwErtschaft

In der EU wird derzeit viel vom gesellschaftlichen „Mehrwert“ der landwirtschaftlichen Tätigkeit gesprochen. Der agrarische Mehrwert wird für die Vergangenheit kritisch hinterfragt, aber für die Zukunft dringend eingefordert. Doch was ist dieser Mehrwert überhaupt? Besteht er in einer Sicherung unserer Nahrungsgrundlage? Das ist über die Erzeugung hinaus sicherlich ein besonderer gesellschaftlicher Auftrag, sagen zumindest die Landwirte. Der Bevölkerung ist das bisher relativ egal, solange Lebensmittel reichlich und billig sind. Besteht der Mehrwert also eher in einem intensiven Klima-, Natur- oder Tierschutz? Hier geht der Streit los. Denn was mancher als Selbstverständlichkeit betrachtet, schlägt auf den Betrieben kostenwirksam zu Buche. 
Deshalb gilt: Solange ein solcher Schutz nicht weltweit umgesetzt wird, kann er bei uns nicht ohne Entgelt erfolgen. Im Gegensatz zu Beamten, Angestellten oder Arbeitern erwirtschaftet der Landwirt seinen Lebensunterhalt immer in direkter Verbindung zum Weltmarktpreis seiner Produkte. Löhne dagegen orientieren sich am deutschen Preisniveau. Selbst der Handwerker ist nicht vom Weltmarkt abhängig, sondern orientiert seine Entlohnung an den deutschen Kosten. Das kann der Landwirt nicht. Deshalb sind solche Schutzstandards zu entgelten. Es ist ein Mehrwert, der einen Mehrpreis wert ist. Wie bei der Umsatzsteuer muss der erwirtschaftete Mehrwert am Ende dem Endkunden – dem EU-Bürger – in voller Höhe belastet werden. Diese Erkenntnis muss erst noch wachsen. Der Bauernverband will im Hinblick auf die Neuausrichtung der Europäischen Agrarpolitik den Wert landwirtschaftlicher Arbeit neu diskutieren. Er möchte damit einer Resignation innerhalb der Branche begegnen. Mit der Entwicklung eines Leitbildes für die deutsche Landwirtschaft will er gar eine neue Identifikation des Einzelnen mit dem Berufsstand schaffen. Ist so etwas in der heutigen Zeit nicht fehl am Platz? Helfen Wertvorstellungen dem Betrieb im Alltag wirklich weiter, wenn es im Geldbeutel knapp wird? 
Vielleicht muss man das eine tun, ohne das andere zu lassen. Zumindest wäre es für die Gesellschaft und den Einzelnen eine fatale Entwicklung, wenn sich das Leben allein am Produktivwert messen lassen müsste. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat den „ehrbaren Kaufmann“ zu neuen Ehren gebracht. Auch die Landwirtschaft hat neben dem deutlich erkennbaren „Nährwert“ für die Bevölkerung einen Mehrwert, der neu aufzudecken ist. Dies gilt für Klima, Natur und Tiere unter dem Motto: Wir erzeugen Mittel zum Leben – Lebensmittel. Es gilt aber auch für die Menschen, die auf den Bauernhöfen leben und arbeiten. Präsident Werner Schwarz prägte dazu auf dem Landeshauptausschuss den Begriff der „LandwErtschaft – mit e statt mit i“. Es ist aber notwendig, diesen Wert nicht nur nach außen zu vermitteln. In Imageumfragen hat der Landwirt bereits einen der vorderen Plätze abonniert. Doch was ist mit der Eigenwahrnehmung? Hier gibt es offenbar Nachholbedarf. Das Bauernblatt will mit der Serie – „Ich bin Bauer, weil …“ demnächst zeigen, dass es hierauf durchaus spannende Antworten gibt. Die Diskussion um den landwirtschaftlichen Mehrwert muss auf die Betriebe getragen werden. Das ist auch die Absicht des Bauernverbandes. Nach dem Auftakt auf dem Landeshauptausschuss in Rendsburg geht es nun auf die Kreisebene. Das Thema wäre eine große Beteiligung wert. Und es ist beileibe keine Diskussion, die nur den Betriebsleiter angeht. Man darf gespannt sein. Am Ende wird sich eines sicherlich zeigen: Die Gemeinsamkeiten in Bezug auf den LandwErt unserer Landwirtschaft werden um ein Vielfaches größer sein als alle Unterschiede, die sich durch die Marktkapriolen der jüngeren Vergangenheit in den Vordergrund geschoben haben. Mit einer solchen Einigkeit kann der Berufsstand dann gestärkt in die Diskussion nach außen gehen. Und sollte der Mehrwert unserer Landwirtschaft für Gesellschaft und Politik deutlich werden, mag sich das am Ende sogar in barer Münze auszahlen. Denn es scheint so, dass Europas Politiker in Bezug auf die Agrarpolitik nach 2013 in der Menge nicht dem „CMA-Syndrom“ verfallen: Erst wenn die Einrichtung nicht mehr da ist, beginnt man, ihre wirkliche Bedeutung zu erkennen und zu schätzen. 
Sönke Hauschild

 


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