Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Kommentar

12.02.2010 -  

In der Pflicht

Momentan grassiert wieder der Rotstift. Und wieder an der falschen Stelle. Seit Jahresanfang setzt sich das Preisscharmützel im deutschen Lebensmitteleinzelhandel fort. Erst Frühstücksflocken, Pflanzenöl und Erdnusssnacks – und nun die Butter. Nach Aldi und Penny sackte in der vergangenen Woche  bei weiteren Discountern der Preis für eine 250-g-Packung um 20 (!) auf 79 ct. Für die Milchbauern ist das ein herber Schlag, ja sogar Gift für die Betriebe. Gerade erst schienen sich die Milchpreise nach dem dramatischen Niveau im vergangenen Jahr wieder leicht zu erholen, und damit sollte sich auch die Liquiditätslage auf vielen Höfen entspannen. Doch der Markt folgt eigenen Gesetzen. Die Discounter nutzen sie aus. Sich damit abfinden muss man nicht.  Sondern handeln! Landwirte, Meieristen und Verbraucher haben dabei quasi ein Pflichtenheft.
Pflicht 1: Die Butter – das „Leitprodukt“ – konnte deshalb so verbilligt werden, weil reichlich Fett am Weltmarkt ist. Dadurch gingen die Preise nach unten, die Discounter gaben das an die Verbraucher weiter, der Marktanteile wegen. Zudem hat die EU-Kommission für Mai angekündigt, die Interventionsbestände auszulagern. Das könnte für erneuten Druck am Markt sorgen, wie auch die planmäßige EU-weite Erhöhung der Milchquote um 2 % in diesem Kalenderjahr. Hinzu kommt die saisonal traditionell steigende Milcherzeugung im Frühjahr, während im Herbst die Anlieferungen um etwa denselben Anteil sinken.
Hier Gleichklang – ohne eine Marktsteuerung wie die Intervention – herzustellen, wäre ein wichtiges Thema, das  auf den bevorstehenden Meiereiversammlungen diskutiert werden sollte. Mit viel Milch im Rücken lässt es sich nun mal schlecht verhandeln, wenn es halbjährlich um die Kontraktkonditionen geht. Das müssen alle Lieferanten verinnerlichen, insbesondere aber die Mitglieder und Miteigentümer der Meiereigenossenschaften. Ziel ist eine  kontinuierliche, dem Abverkauf des Handels angepasste Anlieferungsmenge.
Pflicht 2: Hauptaufgabe der Meiereien ist es, eine hohe Wertschöpfung zu erreichen. Da sieht Deutschland mit 80 ct/l Milch im Europavergleich schlecht aus; Frankreich etwa schafft 1 €, Italien sogar 1,50 €. Es besteht akuter Handlungsbedarf. Kernproblem sind  bekanntermaßen die ungünstigen Strukturen in der Branche.  Die andere Seite: Viele genossenschaftliche Meiereien haben es noch immer versäumt, in griffige Absatzkanäle, unverwechselbare Marken oder  sich ergänzende Produktionssparten zu investieren. Es fehlen häufig Visionen und  ebenfalls  die Bereitschaft, im Interesse des wirtschaftlichen Erfolges Kooperationen einzugehen.
Welche Wege die „eigene“ Meierei künftig zu gehen gedenkt, um die Wertschöpfung und damit den Milchpreis nachhaltig zu verbessern, auch das sollte in den Versammlungen aufs Tapet gebracht werden. Und ein weiteres Stichwort: der Wegfall der Quote im Jahr 2015. Fachleute gehen davon aus, dass die Milchanlieferung in hiesigen Meiereien dann noch steigen könnte. Richtig: Mancherorts gibt es freie Verarbeitungskapazitäten. Werden diese ausreichen? Es ist höchste Zeit zur Analyse der geplanten betrieblichen Entwicklung an der Erzeugerbasis. Das verschafft der Meierei eine Planungsgrundlage. Anhand dieser Vorausschau lässt sich abschätzen, welche Schritte  jetzt eingeleitet werden müssen: investieren, kooperieren oder Programm verändern.          
Pflicht 3: Der Dritte im Bunde ist der Verbraucher. Das sind wir alle. Der Verbraucher hat letztlich die Macht, an der Misere am Milchmarkt entscheidend etwas zu ändern. Mit seinem Kaufverhalten. Schnäppchenjagen ist heute beliebt. Aber auf Dauer verhängnisvoll – für eine Berufsgruppe, für die Wirtschaft im ländlichen Raum, für die Kulturlandschaft, für den Verbraucher selbst. Hochwertige Lebensmittel wie die Milch, die bei uns unter weltweit beispiellosen Standards erzeugt wird, müssen angemessen bezahlt werden. Das sieht wohl jeder ein, längst nicht alle handeln danach. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Aber sie zeigen, dass der Umgang mit der Macht noch gelernt sein will.
Wenn die Partner ihr Pflichtprogramm ernst nehmen und den Rotstift an der richtigen Stelle ansetzen, ist der fragwürdigen  Handelspolitik der Discounter beizukommen. Anderenfalls wird das Klagen über deren Preisgebaren nie enden.
Ralph Judisch
transparent  


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