Kommentar
29.01.2010 -
Ziele klar – Wege offen
Erfolgreicher Messeverlauf und optimistische Impulse für das Agribusiness. So knapp bringt der Veranstalter der Grünen Woche seine diesjährige Bilanz auf den Punkt. Von Wirtschaftskrise keine Spur? Offenkundig. Immerhin haben sich die Pro-Kopf-Ausgaben der mehr als 400.000 Besucher im Vergleich zum Vorjahr um fünf auf 106 € erhöht. Die Aussteller machten einen Umsatz von über 42 Mio. €, eine Million mehr als 2009. Und auch die rund 100.000 Fachbesucher aus aller Welt äußerten sich zufrieden über den geschäftlichen Verlauf der Schau.
Vollauf zufrieden waren auch die Schleswig-Holsteiner mit ihrem Ergebnis. Mehr noch: Die 60 Aussteller, die schmucken Blaumeisen sowie der Landesbauernverband als Organisator haben einmal mehr gezeigt, wie viel Genuss unser Land zu bieten hat. Die Resonanz des Publikums war entsprechend. Daher muss es für die Landesregierung und die schleswig-holsteinische Wirtschaft eine Frage der Ehre sein, sich auch im kommenden Jahr mit den nötigen finanziellen Mitteln an einem eindrucksvollen Auftritt auf der Welternährungsmesse der Superlative zu beteiligen.
Stichwort Ernährung: Dass weltweit eine Milliarde Menschen nicht genug zu essen haben, hätte angesichts der überquellenden Stände in den Hallen leicht ins Hintertreffen geraten können. Ist es aber nicht. An mehreren Tagen fanden hochkarätige Veranstaltungen statt, die sich den globalen Problemen von Ernährungssicherung und Klimawandel widmeten. Herausragend: der zweite Berliner Agrarministergipfel. Mit rund 50 Teilnehmern – 20 mehr als 2009 – gab er den Startschuss zu einer Klimainitiative. Die Ziele sind klar: weniger Treibhausgasemissionen, mehr Effizienz in der Landwirtschaft. Anders ist weder dem Klimawandel noch dem Hunger auf der Welt beizukommen. Unklar bleibt die finanzielle Seite. Aber ein Anfang ist gemacht, obgleich solch wichtige Lebensmittelerzeugerländer wie die USA, Argentinien, Indien, Australien und Neuseeland nicht beim Gipfel dabei waren. Im nächsten Jahr gibt es dazu erneut Gelegenheit.
Eine vortreffliche Gelegenheit wäre die Grüne Woche mit ihren zahlreichen agrarpolitischen Veranstaltungen auch für konkrete Worte zur künftigen europäischen Agrarpolitik gewesen. Deutliche Signale hätte man zumindest von Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner erwarten dürfen. Die Argumentation, dass man erst einmal schauen müsse, welches Budget im EU-Agrarhaushalt zur Verfügung steht, mag möglicherweise richtig sein. Auch Aigners Versprechen, sich für eine starke Erste Säule mit ihren Direktzahlungen einzusetzen und in Brüssel im Interesse der deutschen Bauern dafür zu kämpfen, hört man wohl. Aber es ist zu wenig.
Zu wenig deshalb, weil unter Politikern und Ökonomen die Meinungspalette hinsichtlich der Ersten Säule von „strikt beibehalten“ über „an neue Bedingungen knüpfen“ bis „abschaffen“ reicht. Die Spanier, die derzeit die Ratspräsidentschaft innehaben, lassen eine Affinität zu noch schärferen Umweltauflagen erkennen, etwa zur Sicherung der Artenvielfalt, so Agrarstaatssekretär Josep Puxeu in Berlin. Und vom designierten EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos aus Rumänien hört man bislang zwar Ermutigendes. Doch was besagt das schon, wenn es darum geht, 27 Meinungen unter einen Hut zu bringen?
Würde jetzt die Diskussion in eine falsche Richtung laufen, kann das bedrohliche Konsequenzen für die Landwirte haben. Das darf nicht passieren. Besser ist es, mit eigenen Vorschlägen und Forderungen in die Bütt zu gehen. Allerdings müssen diese ausgereift und konsensfähig sein. Der Berufsstand artikuliert seine Kernforderung spätestens seit dem Deutschen Bauerntag voriges Jahr in Stuttgart: Agrarbudget sichern, kein Rütteln an der Ersten Säule und eine gut ausgestattete Zweite Säule. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Daran sollte sich Ilse Aigner orientieren und sich hierzulande und in Brüssel deutlicher positionieren. Wie’s geht, hat die CSU-Politikerin mit ihrer Initiative zum Berliner Agrarministergipfel bewiesen. Nun ist sie auf Brüsseler Parkett gefordert. Es wird Zeit, Zeichen zu setzen und Mehrheiten zu beschaffen. Das erwarten die deutschen Bauern. Ralph Judisch





