Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Kommentar

18.12.2009 -  

Das Streben nach Glückseligkeit

Der Präsident des Europäischen Parlaments, der Pole Jerzy Buzek, ist kein unbeschriebenes Blatt. Auch wenn er hierzulande wenigen Menschen bekannt sein dürfte, gilt er als der bedeutendste Pole seid Papst Johannes Paul II. In der Wahl zum EU-Parlamentspräsidenten erreichte er in diesem Jahr über die Parteigrenzen hinweg eine Zustimmungsrate, die ungewöhnlich war. Von 1997 bis 2001 war Buzek der erste protestantische Regierungschef Polens. Nach seinem Amtsantritt schenkte der Professor dem damaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder bei dessen Warschau-Besuch eine Luther-Bibel aus dem Jahr 1522. Bei der Übergabe bemerkte Buzek: „In diesem Buch sind Werte, die wir ins nächste Jahrtausend mitnehmen sollten. Das wäre ein guter Anfang für unsere Zusammenarbeit in den nächsten Jahrzehnten.“ Die Antwort Schröders, der bei seiner Vereidigung als Kanzler auf den Schwur auf die Bibel verzichtet hatte, ist nicht bekannt. Sicherlich war sie ebenso höflich wie nichtssagend. Dabei hat Buzek in vielerlei Hinsicht Recht. Nicht erst die Wirtschaftskrise zeigt uns, wie wichtig Werte im täglichen Handeln sind. Doch ist der Wert solcher Werte besonders in der Krise besonders augenfällig. In den vergangenen Jahrzehnten wurde anderen Werten Heilskraft zugesprochen, vor allem hochverzinslichen „Finanz-Werten“. Geld und Glück gehöre zusammen, so wurde gepredigt. Viel Geld macht demnach sehr glücklich. Dieses Versprechen auf Glück und Reichtum hat nicht lange gehalten. „Geld allein“ ist eben doch keine Glücksgarantie. Ansonsten würden heute zwei Drittel der Menschheit in totaler Traurigkeit leben. Doch die Armen der Erde sind trotz allen Mangels im Schnitt nicht weniger glücklich als die Satten und Reichen. Geld verhilft dazu, Bedürfnisse zu erfüllen, das Leben sicher und etwas bequemer zu gestalten. Dafür brauchen wir es. Doch ist dieser Wert nur ein „geliehener“, oftmals im doppelten Wortsinn.Weihnachten ist die richtige Zeit, erneut über „echte“ Werte, echtes Glück nachzusinnen, das unser Leben tragfähig macht. Die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika gesteht den Menschen in ihrer Präambel Folgendes zu: „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, worunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit sind.“ Ein Leben in Freiheit ist in den westlichen Industrieländern heute eine Selbstverständlichkeit. Was in diesem Dokument der Demokratie auffällt, ist die Formulierung zum Streben nach Glückseligkeit. Hätte man im Mutterland des Turbokapitalismus nicht eher eine Aussage zum Streben nach Reichtum erwartet? Etwa nach der Art von Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein, der erst im November behauptete, die Banken verrichteten Gottes Werk? Dieser Gott hat in der Bibel einen Namen: „Mammon“. Schon im März hatte Bundespräsident Horst Köhler eine andere Richtung gewiesen: „Wir können uns nicht mehr hauptsächlich auf wirtschaftliches Wachstum als Problemlöser und Friedensstifter in unseren Gesellschaften verlassen.“ Auch die Politik muss hier noch ihre Hausaufgaben machen. Die „Scheckbuchdiplomatie“ der westlichen Regierungschefs, aber ebenso Chinas, angesichts der Krise zeigt eine große Hilflosigkeit, was den inneren Zusammenhalt der Gesellschaften betrifft. Die Menschen wissen angesichts der noch nicht überwundenen Krise um die Kurzlebigkeit finanzieller Stabilität. Geradezu unter den Füßen weggezogen wurde vielen Menschen diese Basis in den vergangenen Monaten. Doch wissen wir noch um andere Werte? Das eigene Leben und die Gesundheit, Familie und Freunde, Geben und Teilen, die Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens? Damit hat das Streben nach Glück zu tun. Und von dort bekommt das Leben Halt, gerade in schwieriger Zeit. Das Streben nach Glückseligkeit sollte im Leben Vorrang haben. Viele Menschen verzweifeln allerdings angesichts der überbordenden Angebote und Möglichkeiten auf ihrer Suche nach echter Glückseligkeit. Dieses im Geschehen von Weihnachten zu suchen, ist sicherlich kein schlechter Rat. Gott wurde Mensch, weil ihm das Glück seiner Geschöpfe am Herzen liegt. Das ist nicht nur zu Weihnachten eine gute Nachricht. Sönke Hauschild

transparent  


[Gesamtansicht] · [drucken] · [top]