Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Kommentar

11.12.2009 -  

Kampf ums Wasser

Whisky sei zum Trinken da und Wasser, um darum zu kämpfen. Diese Worte werden Mark Twain in den Mund gelegt, dem Autor von Tom Sawyers Abenteuern. Abenteuerlich sind sie schon, die Perspektiven des Wassers. Ohne technische Fortschritte, das wird immer deutlicher, steuern wir direkt in eine weltweite Wasserkrise. Der Klimawandel tut ein Übriges. Das machen zwei Zahlen deutlich: 70 Prozent des verfügbaren Süßwassers werden global für die Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen beansprucht. In Europa liegt der Wert bei 40 Prozent. Die UNESCO prognostiziert bis 2030 eine Steigerung der Agrarerzeugung in den Entwicklungsländern um 67 Prozent. Steigt der Wasserverbrauch linear zu dieser Entwicklung, dann reicht es in gut 20 Jahren nicht einmal mehr für die Bauern. Doch auch die Industrie ist auf den nassen Rohstoff angewiesen. Die Stromerzeugung benötigt schon heute enorme Mengen zum Kühlen. Steigt der Energieverbrauch von China und Indien weiter, dann ist die Industrie in 60 Jahren stärker auf die knappe Ressource Wasser angewiesen als die Landwirtschaft. Und über das Trinkwasser als Lebensmittel Nummer eins haben wir noch gar nicht gesprochen. Wasser war schon immer der wichtigste Stoff auf der Erde. Aber erst heute wird es uns bewusst, weil er zum begrenzenden Faktor wird. Ein Mensch kann vier Tage ohne Wasser überleben, dann ist Schluss. 2,6 Mrd. Menschen trinken unzureichend geklärtes Abwasser, 1,2 Mrd. sind ganz von einer Trinkwasserversorgung abgeschnitten. Joachim von Braun, der deutsche Direktor des International Food Policy Research Institutes (IFPRI) in Washington sagt deshalb: „Die Konfliktträchtigkeit, die wir heute beim Erdöl haben, wird sich in den nächsten zwei, drei Generationen beim Wasser herauskristallisieren.“ Er muss es wissen. Doch wer von Braun 1996 auf dem Landesbauerntag erlebt hat, der weiß, dass er keiner Katastrophe das Wort redet. Wir steuern nicht unweigerlich auf weltweite Verteilungskriege zu. Die Verknappung der kostbaren Ressource erfolgt nicht überraschend, sondern allmählich und lässt somit genug Zeit für politische Lösungen. Doch gilt es, heute an Lösungen zu arbeiten, damit Kraftwerke mit einem internen Kühlkreislauf arbeiten, die Beregnung durch Tröpfchenbewässerung ersetzt wird, der Nassreis-Anbau einem Wasser sparenden System weicht. Gleiches gilt für das Zuckerrohr, eine zunehmend wichtigere Agrarpflanze, die es nass liebt. Daneben müssen die Wasserleitungen der Städte einen höheren Standard aufweisen. Während im trockenen Italien 40 Prozent des Wassers in lecken Leitungen versickert, liegt diese Quote im regennassen Norden unter fünf Prozent. Sparsamkeit ist der erste Schritt. Die deutsche Landwirtschaft ist in der Nutzung dieser Ressource bereits heute so sparsam, dass es angesichts der weltweiten Zahlen fast nicht glaubhaft erscheint. Durch angepasste Produktionsverfahren und technischen Fortschritt wurde der Wasserverbrauch seit 1991 um fast 70 Prozent gesenkt. Hier kann den Bauern niemand das Wasser reichen. Daran wird zugleich deutlich, welches Sparpotenzial weltweit noch erschlossen werden kann. Bedenkt man, dass Rindfleisch 61 Prozent Wasser enthält, die Tomate gar 95 Prozent, dann geht sogar noch ein Teil des Wassers wieder ’raus aus der Landwirtschaft. Zudem ist die Landwirtschaft der Wasserspeicher der Welt. Unter landwirtschaftlichen Flächen ist die Grundwasserneubildung erheblich größer als unter Waldflächen. Darüber hinaus tragen die Landwirte durch die stetige Effizienzsteigerung ihrer Produktion zu weniger Auswaschung und damit einer besseren Wasserqualität bei. Ob die Grundwassererneuerung durch die Pflanze auf Dauer ohne eine Entlohnung der Landwirtschaft zu machen ist, darf angesichts der großen Bedeutung dieser Funktion bezweifelt werden. Der Spruch vom Lebensmittelerzeuger im Sinne von „Mittel zum Leben“ zeigt die Perspektive, aber auch die Verantwortung auf. Wasser ist Leben. Diese Gleichung werden wir in Zukunft öfter durchrechnen. Andere tun es bereits: „Wasser wird in den nächsten 30 Jahren zu einem global knappen Gut werden. Für Investoren ergeben sich aus diesem Szenario attraktive Investitionschancen“, wirbt eine Bank für den Wowax, den Index der wichtigsten Unternehmen der Wasserbranche.Sönke Hauschild

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