Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Kommentar

06.03.2009 -  

Das Poli-Pop-Gen

Vielleicht ist es ein Projekt für Paläogenetiker. Zu ganz bestimmten Zeiten, insbesondere dann, wenn die Bürger und Bürgerinnen mehrfach im Jahr an die Wahlurne schreiten, tritt ein Phänomen im Genom gewisser Zeitgenossen auf, das wir einmal Poli-Pop-Gen nennen wollen, kurz für „Politiker-Populismus-Gen“. Auffallend ist, dass vor allem südlich des Weißwurst-Äquators eine bemerkenswerte Dichte dieses Gens zutage tritt. Ist Franz-Josef Strauß der Stammvater des Poli-Pop-Gens? Der jetzige Inhaber des Amtes des bayerischen Ministerpräsidenten scheint in direkter Linie mit dem mit allen rhetorischen Wassern gewaschenen Strauß verwandt zu sein.

„Wir wollen die Grüne Gentechnik nicht“, hat Horst Seehofer seinen Landsleuten beim Politischen Aschermittwoch in Passau zugerufen. Die Staatsregierung wolle sich daher nicht mehr von der Europäischen Kommission den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen vorschreiben lassen. Vielmehr wolle man selbst darüber entscheiden, „wie unser Grund und Boden genutzt wird“. Seehofer bekräftigte damit seine Absicht, Bayern zur „gentechnikfreien Zone“ zu erklären. Vox populi, vox Rindvieh. Die Bajuwaren, die bislang für sich stets in Anspruch nahmen, in einem fortschrittlich denkenden High-Tech-Land zu leben, reihen sich ein in die Riege der ideologischen Eiferer. Ohnehin hat sich in Sachen Grüner Gentechnik eine erstaunliche Allianz aus CSU-Politikern, Kirchen, Kapitalismushassern, Bio-Landwirten und Imkern gebildet. Technologieverweigerung und Kulturpessimismus ist das Band, das sie verbindet.

Inzwischen haben sich zwei Mitglieder der Bundesregierung – Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) und Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) – als leidenschaftliche Gegner der Gentechnik geoutet. Beide vertreten die Ansicht, dass die Grüne Gentechnik den Menschen hierzulande keinen erkennbaren Nutzen bringt. Solche Sprüche erinnern doch stark an die Geschichte des Direktors des amerikanischen Patentamtes, der 1899 den US-Präsidenten McKinley aufforderte, die Behörde aufzulösen, weil bereits alles erfunden worden sei, was erfunden werden könne. Oder auch diese Geschichte: Als der amerikanische Ingenieur Robert Fulton 100 Jahre zuvor den französischen Kaiser Napoleon Bonaparte davon überzeugen wollte, dass er die britische Flotte mit von Dampf angetriebenen Schiffen schlagen könnte, erklärte ihn Napoleon für mehr oder weniger verrückt: „Was Sir? Sie wollen ein Schiff gegen den Wind fahren lassen, indem Sie unter Deck ein Feuer anzünden? Ich habe keine Zeit, mir solchen Unsinn anzuhören.“

Mit Ignoranz jedenfalls ist der Forschungsstandort Deutschland nicht zu retten. Für Bio-Tech-Unternehmen sind die Politiker-Thesen auch kein Lockstoff, um sich am Standort D anzusiedeln. Kein Züchter wird Millionen Euro in Forschungseinrichtungen investieren, um später die Früchte der Erkenntnisse nicht im Freiland testen zu dürfen.

Unterdessen weitet die Welt-Landwirtschaft den Anbau transgener Pflanzen beständig aus. Im vorigen Jahr stieg die Fläche gegenüber 2007 um 10,7 Millionen Hektar oder 9,7 Prozent auf 125 Millionen Hektar. Es sind sage und schreibe 13 Millionen Landwirte, die diese Pflanzen anbauen. Alle versprechen sich davon Vorteile.

Insbesondere auf den beiden amerikanischen Kontinenten hält der Siegeszug gentechnisch veränderter Pflanzen unvermindert an. Die USA sind der mit Abstand größte Produzent von GVO-Pflanzen. Und auch das sei vermerkt: Die Amerikaner neigen nicht unbedingt zum kollektiven Selbstmord. Europa (außer Spanien) klinkt sich langsam aber sicher aus und wird sich in naher Zukunft fragen müssen, wie die bevorstehende Eiweißlücke bei Futtermitteln geschlossen werden soll, wenn es bei dieser restriktiven Politik bleibt.Dirk Ehlers

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