Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Kommentar

22.08.2008 -  

Mit Pappe und  Computer


Der nur 128 Zeilen und 900 Wörter lange Artikel zum Aufbau der Doppelhelix, der am 25. April 1953 in „Nature“ erschien, war schnell geschrieben. Zuvor aber gab es eine intellektuelle Glanzleistung. James Watson und Francis Crick machten sich auf den wissenschaftlichen Weg, die räumliche DNA-Struktur zu entschlüsseln. Wie sie dabei vorgingen, ist aus heutiger Sicht wirklich bemerkenswert. Die beiden, die von Chemie keine Ahnung hatten, den Nobelpreis aber im Kopf, bestellten in der institutseigenen Werkstatt der Universität Cambridge Metallteile für ein Modell. James Watson ging das alles nicht schnell genug. Er vermutete, dass andere Wissenschaftler der DNA-Struktur ebenfalls sehr nahe waren. Er fing an, aus Pappe Molekülmodelle auszuschneiden und mit Drähten zu verbinden. Am 28. Februar 1953 entdeckten die beiden Forscher die Lösung: Watson schob auf seinem Schreibtisch Pappstücke hin und her und merkte plötzlich, wie die Basen miteinander verbunden sein mussten. Damit waren die möglich Sprossen für die spiralförmige Leiter gefunden, ohne dass die Helix völlig verbeult aussah. Innerhalb von einer Stunde setzten Watson und Crick ihr Modell zusammen. Es hatte eine Höhe von zwei Metern. 1962 erhielten die beiden den Nobelpreis. Sie waren es, die den Grundpfeiler moderner Genforschung legten. Und sie waren eher handwerklich an das Problem herangegangen, ganz ohne Computer.

Heute geht nichts mehr ohne eben diese Computer. Vor allem Klimaforscher simulieren ständig neue Modelle, deren Ergebnisse sich bei Veränderungen der Parameter sehr stark unterscheiden. Die Funktionsfähigkeit von Klimamodellen wird daran gemessen, wie genau es die Vergangeheit simuliert, über die schon Messdaten vorliegen. Just hat das nationale Zentrum für Atmosphärenforschung in Washington einen neuen Bericht vorgelegt, der aufhorchen lässt, obwohl er natürlich auch nicht mehr sein kann als eine Prognose mit allen Unwägbarkeiten. Es geht um die Folgen des Klimawandels für die Landwirtschaft.

Für die amerikanischen Farmer kommen die Resultate einer Hiobsbotschaft gleich. Danach werden die Erträge sinken und der Schädlingsdruck wachsen. Viele Unkräuter können auf die steigenden Kohlendioxidgehalte in der Luft „besser“ reagieren als etwa Mais. Zudem gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die Temperatur in den kommenden 30 Jahren um 1,2 Grad ansteigt, was zu Ertragseinbußen führen wird. Ihre These: Eine unveränderte Photosynthese vorausgesetzt, wird der Ertrag bei steigenden Temperaturen direkt proportional zur Verkürzung der Kornentwicklungsphase abnehmen.

Frohlocken können dagegen die Bauern in gemäßigten bis kalten Klimaten, so beispielsweise in Nordeuropa und Russland. Erwartet wird für diese Regionen eine längere Vegetationsperiode. Außerdem könnten die höheren Kohlendioxidgehalte positive Auswirkungen auf die Erträge im Pflanzenbau haben. Zitronen aus Norwegen? So extrem werden die Folgen des Klimawandels eher nicht zu Tage treten. Bei Obst und Gemüse können ohnehin schon kurzfristig wirkende Umwelteffekte die Qualität erheblich beieinträchtigen.

Gewiss verdienen solche Studien Beachtung. Nur: Klimaforschung hat auch etwas mit der Chaostheorie gemein. Alles kann ganz anders kommen als mit Hilfe der Computermodelle berechnet. Gleichwohl ist Forschung heute eben doch mehr als mit Pappe und Draht Modelle zu „basteln“.

Dirk Ehlers



transparent  


[Gesamtansicht] · [drucken] · [top]