Schleswig-Holstein

Zum Buch Nord-Ostsee-Kanal: Begegnungen

Kommentar

05.03.2010 -  

Kniefall mit Nutzwert

Amflora kommt. Die umstrittene gentechnisch veränderte Kartoffelsorte darf in Europa angebaut werden. Das hat die EU-Kommission zu Wochenbeginn entschieden. Ende eines 14 Jahre (!) währenden Zulassungsverfahrens. Aber mit Sicherheit kein Ende der andauernden Diskussion um das Für und Wider der Grünen Gentechnik. Die Spaltung zieht sich durch die gesamte Gesellschaft, erhitzt die Gemüter von „Otto-Normalverbrauchern“ ebenso wie von konventionell oder ökologisch wirtschaftenden Landwirten. Ob zu Recht oder Unrecht, das ist bis heute nicht erwiesen.

Im Kreuzfeuer steht die Züchtung aus dem Hause Basf nicht nur allein deshalb, weil sie ein gentechnisch veränderter Organismus (GVO) ist, sondern auch, weil sie ein Gen enthält, das gegen Antibiotika resistent ist. Andererseits soll sie besonders viel Stärke für industrielle Zwecke liefern, zur Herstellung von Papier, Garnen und Klebstoffen. Ein hoher Nutzwert – offenbar. Zudem könne bei der Produktion von Industriestärke durch Amflora Energie und Wasser gespart werden, wie EU-Verbraucherschutzkommissar John Dalli hervorhebt. Noch mehr Nutzen  – also. Nach Punkten liegt der Nutzen  vorn. Denn wiederholt hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) das biotechnologisch eingepflanzte Gen  geprüft, zuletzt 2008. Ergebnis: ungefährlich für Mensch und Tier. Deshalb dürfen die Nebenprodukte, die bei der Verarbeitung von Amflora entstehen, nun sogar verfüttert werden. Auch dieser Umstand ist es, der Gentechnikgegner  erneut  auf die Barrikaden treibt. Dass Dalli in rasantem Tempo gleich noch die Einfuhr dreier GVO-Maissorten von Monsanto als Lebens- und Futtermittel erlaubt, wird als Kniefall der Politik vor den Konzernen gewertet. Möglicherweise ein Kniefall mit Nutzwert?

Im Zweifel ist es angebracht, sich an Tatsachen zu halten. Demnach nimmt der Anbau transgener Pflanzen global rasant zu. So stieg die GVO-Fläche im vergangenen Jahr gegenüber 2008 um  gut 7 % auf 134 Mio. ha. Spitzenreiter sind die Vereinigten Staaten mit 64 Mio. ha Anbaufläche, gefolgt von Brasilien mit einem Zuwachs von 35 % auf 21,4 Mio. ha GVO-Fläche. Fachleute rechnen  damit, dass binnen fünf Jahren die 200-Millionen-Hektar-Marke geknackt wird. Rund 14 Millionen Landwirte verwenden mittlerweile GVO-Saatgut – eine Zunahme von 700.000 gegenüber 2008 – etwa 90 % davon sind Kleinbauern in Entwicklungsländern. Sie und  Landwirte auf dieser Seite des Erdballs nutzen solche Sorten wohl wissend um deren Nutzwert. Diese gelten als besonders ertragsstabil  und resistent gegen bestimmte Krankheiten und Schädlinge beziehungsweise gegenüber notwendigen Pflanzenschutzmitteln. Das ist ökonomischer und ökologischer Nutzen zugleich.

Gleichwohl: Es gibt in vielen Regionen und ganz besonders in Europa zum Teil erbitterten Widerstand gegen den Anbau von GVO. Dahinter stecken Ängste vor unkalkulierbaren Risiken für die Gesundheit von Mensch und Tier sowie für die Natur. Diese Besorgnis muss ernst genommen werden, und es gilt, in einem offenen gesellschaftlichen Dialog Grabenkämpfen den Boden zu entziehen. Hierbei sind Politik, Wissenschaft, Wirtschaft  und Berufsstand gefordert. Ein weiterer wichtiger Schritt wäre es, die Risikoforschung bei der Grünen Gentechnik deutlich anzukurbeln. Dass  die GVO-Züchtung und -anwendung von Agrarkonzernen bestimmt wird, hat ein Geschmäckle. Das muss einer neutralen Betrachtung weichen. Im Kern geht es darum, dass von unabhängiger Seite der Nachweis erfolgt, welche tatsächlichen ackerbaulichen und betriebswirtschaftlichen Vorteile transgene Pflanzen haben. Aber auch, welche Risiken durch ihren Einsatz in der Natur, in der Fruchtfolge und in der Nahrungsmittelkette wirklich entstehen könnten. Landwirte und Verbraucher haben ein Recht, über alle Fragen im Zusammenhang mit GVO aufgeklärt zu werden. Vielleicht hat Brüssel mit der Amflora-Entscheidung den zweiten Schritt vor dem ersten getan.

Aufgabe bleibt, die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass eine Koexistenz von konventionellem, ökologischem und GVO-Anbau gewährleistet ist. Ebenso wichtig  im Verbraucherinteresse sind geeignete Lösungen für die Produktkennzeichnung. Und nicht zuletzt müssen die Wettbewerbshüter Regeln schaffen, um eine  zu starke Abhängigkeit der Bauern von Saatgutmultis zu unterbinden. Ralph Judischtransparent  


26.02.2010 -  

Wegnahmeeffekt

So sieht die Agrarinvestitionsförderung in Bayern aus: Zuschüsse von 20 bis 35 % des zuwendungsfähigen Investitionsvolumens. Zuschussobergrenze 200.000 €, bei Erstaussiedlung 300.000 € und Betriebszusammenschlüssen 400.000 €. Die höchsten Zuschüsse von 35 % gibt es für Investitionen, die der  Umstellung der Milchkühe von Anbinde- auf Laufstallhaltung dienen. Nun mag man argumentieren, ...  mehr »


19.02.2010 -  

Erst hören, dann handeln

Der neue EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos hat „keinen fertigen Plan“. Hallo? Gemach! Das muss kein schlechtes Vorzeichen für die Verhandlungen zur Gemeinsamen Agrarpolitik nach 2013 sein. Ganz im Gegenteil. Gegenwärtig ist die Debatte hitzig. Kühle Köpfe sind  gefragt. Von daher tut Ciolos gut daran, sich zunächst mal einen Überblick zu verschaffen, einen breiten Austausch mit Interessengruppen und ...  mehr »


12.02.2010 -  

In der Pflicht

Momentan grassiert wieder der Rotstift. Und wieder an der falschen Stelle. Seit Jahresanfang setzt sich das Preisscharmützel im deutschen Lebensmitteleinzelhandel fort. Erst Frühstücksflocken, Pflanzenöl und Erdnusssnacks – und nun die Butter. Nach Aldi und Penny sackte in der vergangenen Woche  bei weiteren Discountern der Preis für eine 250-g-Packung um 20 (!) auf 79 ct. Für die Milchbauern ist das ein herber ...  mehr »


05.02.2010 -  

20 Jahre Brüsseler Reformen

Mit dem ehemaligen irischen Finanzminister und späteren Agrarkommissar Ray MacSharry begann ein neuer Zeitabschnitt in der europäischen Agrarpolitik. Vier Jahre – von 1989 bis 1992 – wirkte der charismatische Ire in Brüssel und haute so manchen Gordischen Knoten durch. Mit ihm kam es zu grundsätzlichen Umwälzungen in der europäischen Landwirtschaft, die ihn selbst sehr schnell zum Feindbild auf den Höfen ...  mehr »


29.01.2010 -  

Ziele klar – Wege offen

Erfolgreicher Messeverlauf und optimistische Impulse für das Agribusiness. So knapp bringt der Veranstalter der  Grünen Woche seine  diesjährige  Bilanz auf den Punkt. Von Wirtschaftskrise keine Spur? Offenkundig. Immerhin haben sich die Pro-Kopf-Ausgaben der mehr als 400.000 Besucher im Vergleich zum Vorjahr um fünf auf 106 € erhöht. Die Aussteller machten einen Umsatz von über 42 Mio. €, eine ...  mehr »


22.01.2010 -  

…dann hat Brüssel ein Problem

Was in den vergangenen Wochen in Brüssel gelaufen ist und derzeit noch läuft, ist sicherlich ein Stück gelebte Demokratie. Die designierten EU-Kommissare müssen sich einer Prozedur unterziehen, die einem Examen gleichkommt. Die Europaparlamentarier nehmen die Kandidaten ins Visier und prüfen sie in stundenlangen sogenannten Anhörungen. Das Ganze ist kein Pappenstiel, die gewählten Volksvertreter nehmen die Sache sehr ...  mehr »


08.01.2010 -  

Die Torte

Wenn in wenigen Tagen die Pforten für die 75. Grüne Woche in Berlin geöffnet werden, wird es traditionell auch zum ersten agrarpolitischen Höhepunkt eines jeden Jahres kommen. Die Messe gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Veranstaltungen in Deutschland. Sie ist ein Stelldichein für alles, was Rang und Namen in der (agrar-) politischen Szene hat. In diesem Jahr allerdings gibt es ein Novum. Die EU-Kommission ist unter dem ...  mehr »


02.01.2010 -  

Griechenland ist Siechenland

„Die Hellenen sind ein sympathisches Volk: sonnig, kreativ und total überschuldet. Der nun nahende Staatsbankrott war allerdings lange abzusehen – denn die Buchführung ist genauso unübersichtlich wie Altgriechisch und die 3.054 Inseln des Landes“, schreibt der „Spiegel“ und bringt damit die ganze Misere des südeuropäischen Landes auf den Punkt. Die Wiege der Demokratie ist in schwere Turbulenzen geraten. Griechenland ...  mehr »


18.12.2009 -  

Das Streben nach Glückseligkeit

Der Präsident des Europäischen Parlaments, der Pole Jerzy Buzek, ist kein unbeschriebenes Blatt. Auch wenn er hierzulande wenigen Menschen bekannt sein dürfte, gilt er als der bedeutendste Pole seid Papst Johannes Paul II. In der Wahl zum EU-Parlamentspräsidenten erreichte er in diesem Jahr über die Parteigrenzen hinweg eine Zustimmungsrate, die ungewöhnlich war. Von 1997 bis 2001 war Buzek der erste protestantische ...  mehr »


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