Agrarpolitik
16.01.2012 -
Veranstaltung der Grünen gegen „Agrarindustrie“ und „Tierfabriken“
Der Saal im Landtag war bis zum Rand mit Zuhörern gefüllt. Foto: Kirsten Müller
Jeder will das Wohl der Bauern
Bei diesem Titel scheiden sich die Geister: „Tierfabrik geplant – wat nu? – Bauernhöfe statt Agrarindustrie“ hieß die Veranstaltung von Bündnis 90/Die Grünen. Rund 200 Zuhörer machten den Saal im Kieler Landtag voll, es musste ständig nachgestuhlt werden. Dafür, dass sowohl Grünen-Freunde als auch konventionelle Landwirte in großer Zahl anwesend waren, verlief die Diskussion recht gesittet und fair. Eine Verständigung miteinander war indessen kaum zu spüren.„Sie haben keine Ahnung von Strohhaltung“ – das war schon der heftigste Angriff des Abends, gerichtet von dem Referenten Eckehard Niemann von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) an Dietrich Pritschau, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes (KBV) Segeberg und bekennender „Massentierhalter“. Der wies die „mangelnde Ahnung“ natürlich prompt zurück. Kurz darauf sah man die beiden nebeneinander sitzen und leise ihre Meinungsverschiedenheiten besprechen. Ein schönes Bild konstruktiver Auseinandersetzung?
Lange blieb das Podium, moderiert von Bernd Voß von den Grünen, die Auskunft schuldig, was unter „Tierfabrik“ und „Massentierhaltung“ zu verstehen sei. Der erste Referent, Rechtsanwalt Ulrich Werner aus Berlin, bot Strategien zur Verhinderung solcher Anlagen an – unter der stillschweigenden Voraussetzung, dass ohnehin jeder solche Verhinderung anstrebe. Was Hans-Jörg Hagge, den Vorsitzenden des KBV Schleswig, zu der Äußerung veranlasste: „Was stellen Sie sich denn unter einem Bauernhof vor? Glauben Sie, dass wir romantisch mit der blauen Kappe unsere zwei Schweine füttern?“ Als Hagge ein Beispiel aus dem Nachbardorf mit geplanten 8.000 Schweinen und 5.000 Aufzuchtplätzen einen „ganz normalen Bauernhof“ nannte, ging ein Raunen durch den Saal.
Als ungekrönter Hauptredner des Abends bot Eckehard Niemann dann doch Antworten an. Als Richtlinie brachte er die Grenze ins Spiel, oberhalb derer eine Umweltverträglichkeitsprüfung stattfinden muss: 1.500 Mastschweine, 600 Kühe, 15.000 Hühner. Diese Zahlen wolle er auch ins Baurecht eingebracht sehen, und zwar als EU-weit geltende Tiergrenzen. „Da liegen die allermeisten Bauern drunter. Da bilden sich keine Bürgerinitiativen“, versuchte Niemann zu beruhigen. Als Landwirt Walter Lausen – 170 Kühe, zwei Mitarbeiter – sich dagegen verwahrte, als Höchstzahl „50 Kühe von oben verordnet zu bekommen“, entgegnete Niemann: „Sie haben doch noch Luft nach oben. Genau solche Betriebe wie Ihren wollen wir erhalten!“ Überhaupt bemühte der Redner den Schulterschluss der Landwirte: „Wir wollen nicht, dass der Bauer in einen Topf mit der Agrarindustrie geworfen wird und für sie den Kopf herhalten muss.“ Durch die Konzentration auf wenige Konzerne „drohen in zehn Jahren in der Schweinehaltung Zustände, wie wir sie in der Geflügelhaltung schon haben, und in der Milchindustrie nach Abschaffung der Milchquote auch“. Er benannte die „Hähnchenblase“: „Drei Konzerne beherrschten den Geflügelmarkt, zwei weitere drängten hinein. Das geht nur, indem man zusätzliche Mengen hineindrückt, auch wenn man keinen Cent dabei verdient.“ Bei Schweinen sei es ähnlich, die Konkurrenz mit den USA und Brasilien mache die Erzeugerpreise ruinös. Auch auf dem Milchmarkt sah Niemann „kein Licht am Ende des Tunnels, auch für die Amokmelker nicht“.
Der Referent setzte auf eine gesellschaftliche Entwicklung hin zu überschaubaren Größen, nur so könnten Nutztiere artgerecht gehalten werden. „In wenigen Jahren schneiden wir den Schweinen nicht mehr die Schwänze ab. Wir werden sie wieder auf Stroh halten, was einem modernen Landwirt obszön erscheint“ – woraus besagter Wortwechsel mit Pritschau entstand. In diesem Zuge betonte der KBV-Vorsitzende, dass sowohl Tier- als auch Umweltschutz nicht zwingend mit der Größe eines Stalles zu tun hätten, im Gegenteil könnte dies gerade in Neubauten besser umgesetzt werden. Niemann räumte ein, dass neue Ställe auch für den Tierschutz notwendig seien – abweichend von der plakativen Verhinderungsrhetorik der Flugblätter.
Als Anwalt für das Tierwohl zeigte sich auch Stefan Johnigk, Geschäftsführer von ProVieh. Vor Hunger und Durst, Krankheit und Schmerz würden Nutztiere so gut wie möglich geschützt. An Möglichkeiten, ihr angeborenes Verhalten auszuleben, mangele es hingegen meist. Den Begriff Massentierhaltung fand er allerdings unglücklich, denn es komme nicht auf die Masse an, sondern auf die Intensität. „Es gibt einen Punkt bei der Ertragsoptimierung, wo die Tiere nur noch den Produktionsprozessen angepasst werden.“ Johnigk empfahl den Bauern die „Nische zertifizierter Produkte“, mit denen man auch höhere Preise erzielen könne.
Als Udo Werner vom Büro des Grünen-Bundestagsabgeordneten Friedrich Ostendorff unter anderem besseren Brandschutz für Nutztiere anmahnte, konterte Dietrich Pritschau: „Wie ist damit der Niemann-Stall mit Strohhaltung zu vereinbaren?“ Der Beitrag der Ärztin und Grünen-Landtagsabgeordneten Dr. Marret Bohn zur Problematik multiresistenter Keime durch Antibiotikaeinsatz veranlasste den Vorsitzenden des KBV Südtondern, Wolfgang Stapelfeldt, zu der Äußerung: „Wir arbeiten acht bis zehn Stunden am Tag im Stall, wir sind aber nicht kränker als andere.“ Dr. Bohn hielt entgegen: „Es ist gut, wenn Sie gesund sind. Aber für den, der eine Allergie hat oder auf der Intensivstation liegt, kann es tödlich sein, wenn ein Antibiotikum nicht mehr wirkt.“
Die gegenseitige Aufdeckung von Widersprüchen und Schwachpunkten prägte die fast vierstündige Veranstaltung. In der Pause gab es Möhrchen mit Quark.
Tonio Keller





